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 Materialien
 Dr. Fritz Lettenmeyer (1891-1953)
 Aus Tagebüchern
 Bombenangriffe in Kiel (Jan. 1944)

7.1.1944: Aufräumungsarbeiten

15 Uhr. Da es keinen elektrischen Strom gibt, können wir keine Radionachrichten bekommen. Die Kieler Zeitung erscheint, wird aber bei uns nicht ausgetragen. Man tut sich schwer, zu erfahren, was es in den Läden an Zuteilungen gibt. Die meisten Geschäfte, in welchen wir einkaufen mußten, sind zerstört, so der Laden des Gemüsegeschäftes Moy. Gestern soll ein Wasserwagen durch die Straßen gefahren sein, an dem man sich eimerweise Wasser holen konnte. Er soll heute in unsere Gegend kommen, aber niemand weiß, wann. Lore und Ursel haben zusammen im Klinikbunker Wasser geholt. Käthe erzählt, daß schon um 10 Uhr viele Menschen wieder vor dem Bunker auf Einlaß warteten, obwohl keinerlei Meldung vorlag.

Ich war von 9-13 Uhr in der Universität. Im hinteren Kellergang waren zwei große Kisten mit Büchern meines Seminars hinterstellt, die vor einiger Zeit für den Abtransport bereitgemacht, aber dann, weil zu schwer, nicht weggeschafft worden waren. (Damals hatte man uns unsinnig große Bücherkisten geliefert). Die Kisten waren weggeschleudert worden, zerbrochen, die Bücher zum Teil herausgeworfen und völlig mit Schutt bedeckt. Acht Studenten und Studentinnen halfen mir, aufzuräumen. Bis auf fünf Bücher, die von einem in die Kiste eingedrungenen Bombensplitter durchschlagen waren, waren alle Bücher unversehrt, natürlich von Schmutz und gelockerten Einbänden abgesehen. Nur zwei Bücher waren völlig unbrauchbar. Sie wurden mit dem gesamten noch brauchbaren Inhalt meines Amtszimmers in das Vorzimmer des Rektors geschafft, das mir vorläufig für die Aufstapelung zur Verfügung stand. Mit den Brettern meiner Bücherregale bauten wir einen Weg durch das Nebenzimmer und über den Schutthaufen und dann wurde Stück für Stück mit der Hand weitergereicht. Man tritt jetzt vieles achtlos zusammen, was noch gut wäre. Aber lieber ein paar gute Bretter ruiniert als die Schuhe, und Kraft gespart durch den besseren Weg. Da liegen unversehrte Schubladen, die in einen zertrümmerten Tisch gehören, dort ist von einem Rollschrank die Jalousie erhalten. Kein Mensch wird das je wieder in Einzelarbeit zusammensetzen. Das würde mehr Arbeit erfordern als am laufenden Band Tausende von neuen Schränken und Regalen zu machen.

Besprechungen nehmen einen Teil meiner Zeit weg, man steht aber immer in den zugigen Gängen oder in tür- und fensterlosen Zimmern herum. Ich sollte nicht so viel selbst mit anpacken, keinem der Kollegen fällt das ein, es läßt sich schon gar keiner im Haus blicken. Der unermüdliche F. ist stets zur Hand. An den Brettern mit den herausstehenden Nägeln und Spreißeln reißt man sich blutig. Schade um das Schuhwerk. Über und über mit Staub bedeckt kam ich nach Hause. Zuhause sieht es ungemütlich aus, die Wohnung halb ausgeräumt wie vor einem Umzug, alles irgendwo verpackt oder im Keller.


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Letzte Aktualisierung am 11. Juni 2017

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