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Home Bombenangriffe in Kiel (Jan. 1944) 7.1.1944: Aufräumungsarbeiten 9.1.1944: Fund in der Universität
 Materialien
 Dr. Fritz Lettenmeyer (1891-1953)
 Aus Tagebüchern
 Bombenangriffe in Kiel (Jan. 1944)

8.1.1944: Aktivitäten im Universitätsgebäude

Heute ist eine Abteilung der "Studentenkompagnie" (das sind Medizinstudenten, die von der Wehrmacht zum Studium beurlaubt sind und hier kaserniert leben, meist im Feldwebelsrang) eingetroffen, die im Universitätsgebäude helfen sollten. Zunächst sollten sie den großen Schutthaufen da, wo früher das hintere Treppenhaus war, in Angriff nehmen, da man darunter die Leiche Dannenbergs vermutet. Um 1/2 11 Uhr waren sie endlich bereit, anzufangen. Ich zog selbst den ersten Balken aus dem Haufen heraus, sonst hätte keiner Hand angelegt. Als ich um 11 Uhr wieder kam, war keiner mehr an der Arbeit. Einige hatte der Studentenführer weggeholt, um auf eigene Faust etwas zu unternehmen, einige standen im Konsistorialsaal und rauchten Zigaretten, der Rest hatte sich verkrümelt. Inzwischen hatte ich die "Erstbesteigung" des Geographischen Institutes gemacht, durch das große Loch vor der Tür meines Amtszimmers. Es war leicht, auf den Schutthaufen eine Leiter zu bringen, anzulehnen und hinaufzusteigen; nur der Ausstieg auf den herabhängenden und geborstenen Fußboden erforderte Vorsicht, eine kleine Traverse an der Wand hin leitete von der Spitze der Leiter auf sicheren Boden. Es war vom klettertechnischen Standpunkt aus leicht und absolut sicher, wenn man es nur richtig anpackte. Ich merkte, wie die alte Freude an dieser Kombination zwischen Betätigung des Körpers und Anwendung des Verstandes, die man Kletterlust nennt, in mir noch lebendig ist. Oben in den Zimmern sah es schlimm aus: Schränke, Tische, Stühle wild durcheinandergestürzt, die Bücher von den hohen Regalen geschleudert, die schönsten Karten und Atlanten zerfetzt herumliegend, alles mit Schuttbrocken, Mauersteinen, Mörtel und einer hohen Staubschicht bedeckt. Aber alles wäre gut aufzuräumen. Kollege S. aber, der Direktor dieses Seminars saß diese ganzen Tage zu Hause, ohne nach seinem Institut zu sehen. Später hat er sich geweigert, die Leiter hinaufzusteigen, obwohl wir ihre Aufstellung und den Zugang so verbessert hatten, daß wirklich kein Risiko mehr dabei war. (Nachtrag: Die Studenten haben später seine Zimmer ausgeräumt. Er selbst hat nie mehr sein Institut betreten.) Über meinem Zimmer lag das des Univ.-Revisors K. Stellte man die Leiter einen Meter weiter rechts auf, so konnte man gerade in sein Zimmer hineinsteigen. Auch dieser Mann tat dies um keinen Preis. Ich habe ihm später seine Privatsachen aus dem Zimmer geholt.

Respekt bekam ich vor F., als er mir den Weg zeigte, auf dem er ins zweite Stockwerk gelangt war. Die Universität ist nämlich so merkwürdig gebaut, daß der zweite Stock nur über die hintere Treppe erreichbar war, die jetzt völlig zerstört ist. In einem der vorderen Hörsäle befand sich in der Mitte der Decke ein großes Loch, von einem Brand herrührend. Man mußte auf einer Leiter in dieses Loch hinaufsteigen und sich auf einen Querbalken schwingen, der von den verbrannten Fußböden des Oberstockes noch erhalten war. Auf weiteren solchen Balken mußte man zum sicheren Boden weiterbalancieren. Es war etwas unangenehm, gar kein Vergleich zu dem kleinen Aufstieg ins Geographische Institut. Aber objektiv war es mit Sicherheit zu machen. Das Obergeschoß ist nach vornheraus (Frontseite der Universität) nur Dachstuhl, weil die Eingangshalle und hinter ihr die Aula besonders hoch sind. Wir drangen durch diese mir unbekannten Räume bis an die Einstürze der Nordseite vor. Wir sammelten die im Dachstuhl bereitgestellten Schaufeln, Eimer, Einreißhaken und dergleichen. Wir ließen die Sachen durch drei der Militärmediziner herunterholen. Beim Abstieg durch das Loch mußte man von dem Querbalken aus mit gutem Griff an einer eingelassenen Eisenstange sich "aushängen", wie wir beim Klettern sagen, um mit den Füßen die nicht ganz bis ins Loch ragende, frei stehende Doppelleiter (also nicht eine angelehnte Leiter) zu erreichen. Dann den Griff auslassen, sich bücken und die oberste Sprosse der Leiter ergreifen. Nun ist es vielleicht nicht schön, daß ich mich jetzt immer selbst lobe, aber man freut sich eben doch, daß man früher was gelernt hat; und so erwähne ich, daß zwei der drei jungen Leute sich so ungeschickt bei diesem Abstieg anstellten, daß sie mindestens das zehnfache meiner Zeit brauchten. Um so mehr wunderte ich mich über die Gewandtheit F's. Übrigens wäre fast noch etwas passiert: Einer der Mediziner stieß oben an eine halbverkohlte Planke, die unten hart neben einer Studentin aufschlug.

Die Studentinnen und zwei Studenten sollten nun daran gehen, aus den noch brauchbaren Fensterrahmen die Glas- und Kittreste herauszuschlagen, um so das spätere Einsetzen der Scheiben vorzubereiten. Einige haben tagelang mit bewundernswertem Eifer sich dieser wirklich mühsamen Arbeit unterzogen. Besonders eine kleine und schmächtige Chemikerin ist mir in guter Erinnerung, ihren Namen habe ich vergessen (dies 1946 bemerkt). Ich hatte in der Werkstatt des Heizraumes (die völlig unbeschädigt war) mindestens eine Stunde lang herumgesucht, bis ich in der Unordnung dieses verwahrlosten und verschmutzten Raumes einige Meißel und Stichel für diese Fensterarbeiten fand. Als ich um 13 Uhr ging, war schon kein Mensch mehr im Haus. Die Mediziner sind nachmittags wieder gekommen und haben an dem großen Schutthaufen gearbeitet. Um 1/2 5 Uhr muß wegen der Dunkelheit jede Arbeit eingestellt werden.

Um 16 Uhr fand die übliche Besprechung statt. Die aus der Provinz angeforderten Glaser und Schreiner seien "zugesagt". Ich beschwerte mich über das Eingreifen des Studentenführers am Vormittag und bat um Klärung der Zuständigkeit für Anordnungen im Universitätsgebäude. Die Auskunft des Kurators lautete: Sie sind der Hausherr; er ordnet den Einsatz der Arbeitskräfte an den nötigen Stellen an. Das heißt auf deutsch, daß ich nichts zu sagen habe. Natürlich steckt die Antagonie zwischen Kurator und Rektor dahinter, dem ersteren paßt nicht, daß mich der letztere beauftragt hat. Ich müßte also, wenn ich irgendwo ein Stück Holz weggetragen haben will, erst diesen Lausbuben um Zustimmung und Überlassung einer Arbeitskraft zu bitten.

Späterer Zusatz: Die persönlichen Rankünen vergällen einem die ganze Aufbauarbeit, der man sich an und für sich freudig unterzieht. Die meisten suchen zu glänzen und tun nichts. Wer unten herumsteht und das große Maul hat, ist der tüchtige Mann. Wer zugreift und still schafft, gilt nichts. Man hat ja später gesehen, wer das Verdienstkreuz, oder wie es hieß, bekam: der Herr Kurator, der Herr Studentenführer, ..., nicht aber z.B. F., der unermüdlichste, der von früh bis Abend in dem zertrümmerten Haus auf seinem Posten war.

Heute hat sich auch der armselige W. zum ersten Mal sehen lassen. Sein Institut im Kellergeschoß ist wie die andern durcheinandergeworfen, es wäre aber alles aufzuräumen. W. spielte sich wichtig auf, nannte sich "Propagandaleiter", er arbeite täglich 24 Stunden in der Ortsgruppe. Man sieht ihn ja immer nur in seiner braunen Amtswalteruniform. Als ich wegen der Aufräumung seines Instituts anbohrte, fehlte es ihm nicht an Worten: "Die Parole des Gauleiters lautet: Erst die Volksgenossen,dann die Gebäude."

Prof. H. scheint sein Seminar noch nicht betreten zu haben (er ist selbst nicht bombenbeschädigt). Prof. M. war zwar schon in seinem "Seminar für rassenkundliche Geistesgeschichte"; aber es ist noch nicht ein Buch vom Boden aufgehoben. Prof. B. ist bei der Polizei so in Anspruch genommen, daß er diese ganzen Tage noch gar nicht nach Hause gekommen ist, aber es gibt andere, die im philologischen Seminar die Bücher vom Boden hätten aufheben können.
Nachtrag 1946: Mich hat es eben geärgert, weil ich der einzige war, der aufgeräumt hat. Heute sage ich, daß die anderen gescheiter waren, sie haben sich vielleicht gedacht, daß alles Aufräumen doch umsonst sei?

Prof. B. räumt mit seinen Leuten, er scheint mehrere an der Hand zu haben, tüchtig seine Räume im Kellergeschoß auf. Das anglistische Seminar, an mein Amtszimmer anschließend, scheint noch nicht betreten worden zu sein. Das romanische Seminar im Oberstock wurde bis jetzt nur von F. und mir bei unserer Exkursion heute vormittag betreten.

Es gäbe noch manches zu erzählen, sogar noch sehr viel. Nur schade, daß man nichts photographieren darf. Denn das ist doch "einmalig in der Weltgeschichte". Jeder kleine Gang kostet so viel Zeit. Auf dem Rathaus bekam ich drei dünne Pappen, das sog. Drahtglaspapier gibt es nicht mehr. In unsere Zimmer bläst der Wind trotz der angenagelten Pappen ziemlich herein. Die Zimmertemperatur geht trotz guter Heizung nicht über 12-13 Grad. Außentemperatur über Null. Ich kam nach 17 Uhr bei Dunkelheit nach Hause. Mit den Abendstunden kann man nichts anfangen. Draußen bläst ein heftiger Wind und der Regen schlägt an die Scheiben. Vielleicht hat uns dieses Wetter vor weiteren Angriffen bewahrt.


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Letzte Aktualisierung am 11. Juni 2017

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