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Home Verlust der Wohnung und Abreise aus Kiel (Juli 1944) 12.8.1944: Zukunftsgedanken 15. bis 25.8.1944: Schlaglichter
 Materialien
 Dr. Fritz Lettenmeyer (1891-1953)
 Aus Tagebüchern
 Verlust der Wohnung und Abreise aus Kiel (Juli 1944)

14.8.1944: Ein Umzugswagen wird kommen

Käthe und Lore hatten am Vortag zehn Pakete gepackt, die nach Hof geschickt werden sollen. Vormittags mit Käthe sieben Pakete zur Post gefahren, eine Stunde Warten. Dann mit dem Kinderwagen weiter durch die halbe Stadt und die Wellpappenrolle (ca. 30 cm Durchmesser!) abgeholt. Die Leute auf der Straße machen Witze über Closetrollen. Zu Hause mußte ich sie aufseilen, da die Rolle nicht durch den engen Einstieg geht. Dann war es schon 11 Uhr. Um 12 Uhr kam ein Brief von der Speditionsfirma Militzer & Münch in Hof, daß ein Möbelwagen, der ohnehin nach Hamburg müßte, in dieser Woche nach Kiel kommen würde. Ich war ganz baff, aber nachmittags bei Spediteur Klüß ging die Schaukel wieder abwärts: auf dessen Zusage hin hatten wir in Hof die Sache in Gang gebracht, und nun, als ich mit dem Brief zu ihm kam, sagte er einfach Nein. Ich radelte noch zu zwei anderen Speditionen, ohne Erfolg. Jetzt müssen wir damit rechnen, daß zwar der große 10 m-Möbelwagen nach Hof kommt, aber niemand uns die Möbel einlädt. Von der Schwierigkeit des Abseilens war dabei noch gar nicht die Rede.

Um 18 Uhr holte ich mir die erste Kiste vom Schreiner, mit dem Kinderwagen natürlich. Einer unserer Studenten begegnete mir, als ich den leeren Kinderwagen auf der Straße schob, in meiner alten Kletterhose und mit offenem Hemd. Eine Krawatte hab ich seit Wochen nicht angehabt. Diese ganze Kiste wurde angefüllt mit Puppenmöbeln und Puppenküchenzeug, oben drauf noch einige Bücher. Käthe hat bis 22 Uhr gepackt. (Das ist später alles verbrannt.) Jetzt liege ich todmüde im Bett. Die Schinderei wird täglich so weiter gehen!

Die Luftmine in der Nacht Samstag/Sonntag, die in unserer Gegend viele Fenster zersprengt hat, ist in der Hebbelschule niedergegangen. Ich bin heute mindestens acht Mal vorbeigekommen. Etwa 20 umliegende Häuser sind "durchgeblasen", zeigen nicht einmal Reste der Fensterrahmen. Das große Schulgebäude selbst ein Trümmerhaufen, ein Schuttfeld, kaum mehr Ruine zu nennen.


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Letzte Aktualisierung am 11. Juni 2017

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