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Home Verlust der Wohnung und Abreise aus Kiel (Juli 1944) 14.8.1944: Ein Umzugswagen wird kommen 28.8.1944: Nach dem großen Brandbombenangriff
 Materialien
 Dr. Fritz Lettenmeyer (1891-1953)
 Aus Tagebüchern
 Verlust der Wohnung und Abreise aus Kiel (Juli 1944)

15. bis 25.8.1944: Schlaglichter

15.8.1944 Ich verbrannte im Nachbargarten einen großen Haufen Papier (Briefe, Briefdurchschläge, Rechnungen, sonstige Papiere) sowie Stöße von zu sehr beschädigten Büchern. (Ich erinnere mich, daß ich die drei Bände Lessing lange zweifelnd in der Hand hielt, aber sie waren in Fetzen und vor Schmutz verkrustet.) Abends brachte B. die innere Tür im langen Gang etwas in Ordnung. Sie war durch ihren eigenen Rahmen hindurch auf die andere Seite geschlagen (die starken Bänder, an denen die Angeln befestigt sind, waren völlig umgebogen). Jetzt haben wir wenigstens in dem vorn offenen Gang nicht mehr den starken Luftzug bis in die Küche hinter. Käthe hat mindestens bis 21 Uhr durchgearbeitet. Jetzt abends erfahre ich, daß die zweite Invasion in Südfrankreich begonnen hat. Sonst weiß ich kein Wort darüber. Und wir plagen uns mit Möbeln und hundert Gegenständen herum!


17.8.1944 Gestern Abend wieder um 23 Uhr Alarm, diesmal mußten wir aber bis 1.30 Uhr im Bunker bleiben, so lange wurde Kiel und Umgebung angegriffen. Im Bunker wurde durchgegeben, daß Bewohner von Hohenbergstraße und Niemannsweg sich nach der Vorentwarnung zur Hilfe bereit machen sollten; aber die Brände waren viel weiter weg. Wir müssen ja immer damit rechnen, daß unsere wochenlange Arbeit in der Wohnung eines Tages zunichte wird. Als wir 1.40 Uhr ins Geologische zurückkamen, war ziemlich Staub und Mörtel im Zimmer, die Fenster teils zerbrochen, teils (soweit es Drahtglas war) wieder einmal herausgerissen. Es wurde eine unruhige Nacht. Zuerst putzte Käthe das Zimmer, auch die Betten waren voller Schmutz. Außen war der Himmel an zwei Seiten gerötet, man hörte die Löschmotoren.

Dann kam wieder Luftwarnung, hier und da wurde geschossen, erst nach 3 Uhr kamen wir dazu, uns auszuziehen und endgültig schlafen zu legen. Aber in den offenen Fenstern wehte der Wind das Verdunkelungspapier hin und her, ich wachte die ganze Nacht hindurch immer wieder auf. In der Wohnung waren fast alle Drahtglasstücke, die ich seit Tagen mühsam eingesetzt hatte, gelockert oder ganz herausgerissen. Ich hatte wieder viele Stunden damit zu tun. Nachmittags desgleichen in unserem Zimmer im Geologischen Institut. Mittagessen kam keines (in die NSV-Stelle wurden die Kessel mit dem gekochten Essen von irgendwoher mit Handwagen gefahren).

Käthe ißt seit einigen Tagen wieder an R.'s Mittagstisch. Ich bleibe bei der NSV-Stelle. Jede Stunde blickte ich hin, immer noch saßen die Leute mit ihren Eßtöpfen da. Jetzt um 17 Uhr ging ich mit Käthe in die Wohnung und sie machte mir ein warmes Essen. Wir essen in diesen Tagen unsere Vorräte auf. Davon sollte ja in erste Linie E. bekommen, aber das geht nun nicht. Und die Kalkeier können wir auch nicht mit nach Hof nehmen. In der Umgebung sollen heute Nacht ganze Dörfer abgebrannt sein, z.B. Suchdorf sei nur noch ein Trümmerhaufen. So führen diese Bestien Krieg. Einen Wehrmachtsbericht habe ich seit drei Tagen nicht mehr gehört. Die Zeitung erhalten wir ganz unregelmäßig zugestellt.


19.8.1944 Auch der Freitag verging mit Arbeiten in der Wohnung und Besorgungen. Wieder gab's kein Mittagessen in der NSV-Stelle. Zweimal war nachmittags Alarm. Das erste Mal war ich mit im Bunker, das zweite Mal blieb ich im Haus. Abends (23 Uhr) kam wieder Alarm. Wir waren im Bunker wie nun in jeder der letzten fünf Nächte. Erst gegen 2 Uhr war Ruhe. In der Buchhandlung Muhlau habe ich gestern Kleist und Eichendorff bekommen. Ich war erstaunt, daß man sowas kaufen kann. Ferner kaufte ich englische kleine Schulausgaben.

22 Uhr. Ein sehr heißer Tag. Wie ist er eigentlich vergangen? Vormittags eine Bücherkiste gepackt. Jeden Stoß Bücher muß ich in einem Korb vom Balkon herunterlassen. Auf die sieben Kisten, die ich bis jetzt habe, malte ich Nummern und Buchstaben. Die Farbe bekam ich vom Hausmeister des Geologischen Institutes, einen alten Pinsel von Ursi benützte ich mit schlechtem Erfolg. Auch das dauerte mit den Vorbereitungen zwei Stunden. Nachmittags wie bleiern geschlafen. Mittags zuerst Erbsensuppe in der NSV-Stelle, dann noch einen für mich salzlos gebratenen Fisch bei R. Ich habe vor, von morgen an wieder dort zu essen. Käthe tut es schon seit einigen Tagen. Abends haben wir alle "gebadet", d.h. uns mit etwas warmen Wasser in der Wanne gewaschen. Bei mir wohl seit Wochen zum ersten Mal. Aber das Wasser lief so dünn und mit Unterbrechungen, daß es drei Stunden für uns dauerte. Noch eine Kiste gepackt. Um 20.30 Uhr drei Eier und Speck gegessen. Die kostbaren Vorräte! Jetzt greifen wir den Eiervorrat von Ostern an; ich glaube, es waren 200 Stück. Und den Speck von Z., der eigentlich für noch schlimmere Zeiten aufgehoben werden sollte. (Als wir fortfuhren, schenkten wir Herrn O. ca. 50 Eier, erinnere ich mich noch.) Wenn es heute Nacht wieder Alarm gibt, bleibe ich im Haus (Geologisches Institut) und gehe im Notfall in den kleinen Straßenbunker vor dem Haus.


Di. 22.8.1944 Immer noch so heiße Tage. Unsere Arbeitsleistungen werden geringer, wir sind immer müder. Heute früh seit 7 Uhr war ich vor dem Rathaus, um jenen Herrn anzutreffen, welcher über die Bergungstrupps zu verfügen hat. Mittags war ein Mann da, um die Herabschaffung der Möbel zu begutachten. Nachmittags (16 Uhr) war ich an der richtigen Stelle und wurde auf Ende der Woche vertröstet. Der Möbelwagen ist noch nicht eingetroffen. Bei R.'s gab es gestern und heute nichts Gescheites. Abends essen wir jetzt stets Eier und Speck von unseren Vorräten.


Fr. 25.8.1944 Heute kam der "Instandsetzungstrupp", ein Polizeiunteroffizier mit sechs Russen. Er, der Unteroffizier, begann auf dem Balkon einen Galgen zu bauen, er will den Flügel frei durch die Luft abseilen. Mit graust es schon. Diejenigen Sachen, die man durch das Fenster oberhalb der Treppe, durch das wir immer steigen, hindurchbringen konnte, tragen sie über die geborstene Treppe hinunter.

10.30-14.30 Alarm. Gestern hatte ich den Bombenfall in dem Straßenbunker Ecke Hohenberg- und Kirchenstraße erlebt. Es war nicht angenehm. Ich konstatierte, daß noch sechs Minuten nach Aufhören des Flakfeuers Splitter aus der Luft herunterkamen. Heute war ich zuerst mit im Bunker, es war wahnsinnig voll; es gelang mir, am Eingang zu bleiben. Dann ging ich zurück und wartete die nächsten beiden Stunden im Straßenbunker ab, später kamen auch Lore und Käthe dahin, die es im Bunker nicht mehr aushielten. Wir hatten die letzten Tage immer noch 30 Grad in den hinteren Zimmern. Abends sinken wir todmüde ins Bett. Morgen früh sollen der Flügel und die schweren Stücke abgeseilt werden. Der Möbelwagen ist immer noch nicht da. Nun kamen gestern noch die schlimmen Nachrichten aus Rumänien und Frankreich. Jedesmal kommt es schlimmer als ich selbst es mir vorstellte.


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Letzte Aktualisierung am 11. Juni 2017

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