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Home Verlust der Wohnung und Abreise aus Kiel (Juli 1944) 28.8.1944: Nach dem großen Brandbombenangriff 30.8. und 31.8.1944: Die letzten Tage in Kiel
 Materialien
 Dr. Fritz Lettenmeyer (1891-1953)
 Aus Tagebüchern
 Verlust der Wohnung und Abreise aus Kiel (Juli 1944)

29.8.1944: Verpackung und Abtransport der übriggebliebenen Habe

Eine schlaflose Nacht. Starker Wind ging. Im Haus wackelte alles. Unsere Zimmertüre schlug auf und zu, bis wir sie festbanden. Ich hatte immerwährend Sorge, daß meine Pappen von den Fensterrahmen herausfallen würde. Einmal kam Lore: ihre Wand fiele ein! Ich ging hinüber; in der Tat konnte man die Wand, an der ihr Lager stand, durch Druck mit der Hand bewegen. Ich beruhigte sie, die Wand sei nicht dem Druck des Windes ausgesetzt.

Der erste Teil der heutigen Aufregungen ist überstanden: der NSKK-Hilfsdienst ist gekommen und wir haben neun Stück Frachtgut und eine Menge Pakete und Koffer als Reisegepäck aufgeladen. Käthe und ich saßen mit auf, mit zwei Russen, die getragen hatten. Am Bahnhof wurde alles Gepäck abgeladen und Käthe mußte bei dem Stapel sitzen bleiben, ohne Gewißheit, daß es überhaupt angenommen wird! Dann fuhr ich mit zum Güterbahnhof hinaus und hier ging wenigstens alles glatt. Der Fahrer hatte furchtbare Eile. Nun muß ich zu Fuß zurück und sehen, ob Käthe etwas erledigen konnte oder noch bei dem Stapel sitzt.

22 Uhr. Todmüde. – Auf dem Bahnhof war Käthe nicht mehr; es waren in der Tat alle 17 Stücke als Gepäck angenommen worden. Ich marschierte weiter, zurück in die Hohenbergstraße. Dort war O. da und schon beim Packen. Nun begann ein Schaffen bis spät in den Nachmittag. Beide Schränke (den Mädchenzimmerschrank und den Damenschreibschrank) verschlug er mit Latten. B. gab Nägel dazu, Latten mußten erst gesägt werden, es war eine elende Mühe. Aber B. hatte drei Sägen, von denen schließlich eine etwas taugte. Auch Lore brachte noch Nägel herbei. Sie hatte einen Urlaubsschein vom Studentenführer erhalten und fährt nun für etwa zehn Tage mit nach Hof. Die Bettstellen wurden auseinandergenommen, die schweren Stücke zu je zweien mit Leisten vernagelt, die Matratzen alle zusammengepackt. B. hat die Bettkiste repariert. Wir holten drei Kisten, die noch im Lagerplatz über Nacht gelegen waren. Sie waren freilich naß, da es heute den ganzen Tag mit Unterbrechungen leise geregnet hat. Um 13 Uhr war ich wieder bei der NSKK-Hilfsstelle und bekam für morgens vormittag nochmals einen Wagen zugesagt. Ich habe schon Angst, daß nicht alles hinaufgehen wird. O. und wir trugen noch die Waschmaschine von der Waschküche der alten Wohnung (darin war es tropisch warm, denn es brannte im Keller noch) bis hierher <ins Geologische Institut vermutlich>. Käthe packte ununterbrochen, noch drei Handkoffer und eine ganze Anzahl von sonstigen Dingen. Und immer steht noch so viel herum, ich bin schon ganz marode. Wir müssen Eimer und Wasserkannen ineinander stecken und mit als Frachtgut aufgeben. Käthes schöner Schreibtischsessel, zwei ineinandergebundene Stühle müssen mit. Die 21 Brockhausbände und noch einiges Schweres von Büchern (Propyläen-Weltgeschichte, Lores großes Markenalbum) sind schließlich noch in Kisten untergebracht worden. Nur die beiden letztgenannten kamen in den Damenschreibschrank. Der wurde besonders noch durch die vielen Latten, in die er eingeschlagen wurde, so schwer, daß ich nicht weiß, wie man ihn morgen aus dem Haus hinaustragen soll. So ging es bis 20 Uhr, nur (meinerseits) unterbrochen durch eine Radfahrt zum Bahnhof, um Lores Fahrkarte zu besorgen.

Um 21 Uhr war es schon zu dunkel, um weiterzuarbeiten. Ich besuchte noch B. und brachte ihm 12-14 Eier. 45 Eier hatten wir schon O. gegeben, dazu noch 50 Mark. Auch für Herrn B. hinterließ ich 50 Mark. Abends wird es heute empfindlich kühl. Käthe und Lore schlafen zusammen auf der Couch, die schon zum Transport hergerichtet ist. Wir haben noch gutes Bettzeug, das morgen früh einfach in die Bettkiste kommt. Der gute O. will um 8 Uhr nochmal da sein, um beim Abtransport dabei zu sein. Das ist mir viel wert. Hoffentlich werden wir nicht den ganzen Vormittag warten müssen. Eben wird Luftgefahr gemeldet. Es wurde aber kein Alarm daraus. Ich habe heute gehört, Kiel sei zum Katastrophengebiet erklärt worden und es sei jede Einreise nach Kiel und Umgebung verboten. So hat man es 1943 von Hamburg auch gehört.


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Letzte Aktualisierung am 11. Juni 2017

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