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 Dr. Fritz Lettenmeyer (1891-1953)
 Aus Tagebüchern

Über die berufliche Arbeit (Juni 1943)

(So. 13.6./Mo 14.6.1943, nachts auf Brandwache in der Universität)

Ich arbeite mir zur Zeit die Zufallstheorie im n-dimensionalen aus, was bei ziemlicher Strenge der Beweisführung eine mühselige Sache ist. Ob diese Arbeit zu einem "Nutzeffekt" führen wird? Vielleicht einmal in einer Vorlesung für Fortgeschrittene zu verwenden. (Ob ich je wieder eine solche halten werde?) Abgesehen davon arbeite ich das nur für mich selbst aus, weil ich mit den vorhandenen Darstellungen nicht zufrieden bin. Es ist mir stets ein Bedürfnis und eine Befriedigung, von einer Theorie eine absolut klare und ungekünstelt aufgebaute Darstellung zu haben, und ich habe diesem Drang schon viel, viel Zeit geopfert. Leider ohne Nutzeffekt; denn es sind keine neuen Entdeckungen; ich weiß hintennach folglich auch nicht mehr als vorher; und daß meine Vorlesungen dadurch, wie ich mir sicher einbilden darf, von besonderer Güte sind, merkt ja doch kein Student – auch hat er nichts davon; denn die heutigen Studenten arbeiten kein Kolleg aus, schreiben schon gar nicht richtig mit, und studieren tun sie schon gar nicht. Ich kann's ihnen nicht verübeln, daß für sie, und seien es selbst Physiker, die Mathematik nur ein notwendiges Übel ist. Ein wissenschaftlich interessierter Mathematiker ist nicht dabei. Seit Kriegsbeginn halte ich vor solchen Hörern – meist 3-6 – meine Vorlesungen. Bisher hatte ich mich dem Niveau angepaßt. Nun halte ich es einfach nicht mehr aus, in jedem Semester nur eine von allen Feinheiten peinlich gereinigte "Feld-Wald- und Wiesen-Mathematik" darzubieten, die in keinem Fall irgendwelche Vorkenntnisse voraussetzen durfte, und so habe ich im Wintersemester die Anfängervorlesung über Differential- und Integralrechnung in aller Strenge gehalten. Einen Flakleutnant habe ich damit sehr gequält.

Jetzt ist nun, in diesem Sommersemester, der zweite Teil dieser Vorlesung zustandegekommen. Ein Mädchen vom Wintersemester und zwei neue Herren, die einige Vorkenntnisse haben. Das ist das zweite Mal, wenn ich mich recht erinnere, daß ich diese Vorlesung halte. In München bekam ich die Hauptvorlesung nie, und hier las ich diesen Teil einmal vor zwei Hörern, aber ich glaube, er kam nicht zu Ende. So arbeite ich jetzt alles völlig neu aus, und das Niveau halte ich rücksichtslos hoch. Bei nur drei Hörern kann man so mit ihnen in Fühlung bleiben, daß keiner den Anschluß völlig verliert. Auch meine zweite, ebenfalls vierstündige Vorlesung (Determinanten und Matrizen habe ich sie genannt, es mußte ohne Vorkenntnisse gehen) mit sechs Hörern (bis jetzt!) ist anspruchsvoll (so habe ich z.B. für die Laplace'sche Entwicklung einer Determinanten (nach den Minoren gewisser fester Zeilen) nach dem (in gewisser Hinsicht unbefriedigenden) üblichen Beweis [wenn nämlich der Begriff eines Polynoms von unabhängigen Variablen nicht geklärt ist] noch einen rein formal rechnenden Induktionsbeweis gebracht, dessen übersichtliche Darstellung mir ziemlich Mühe gemacht hat) und wird sehr viel bringen; ich will bis zum Hauptachsenproblem im n-dimensionalen kommen. Zum ersten Mal seit Kriegsbeginn bin ich von meiner Lehrtätigkeit befriedigt, aber mehr in egoistischer Weise; denn mit einer mehr praktischen, rein wissenschaftliche Erörterungen unterschlagenden Auswahl und Behandlung des Stoffes, wie sie für technische Hochschüler paßt, wäre der Nutzeffekt für die jetzigen (meist einsemestrigen Hörer) wohl größer. Aber jetzt könnte ein geborener Mathematiker "erweckt" werden, wenn unter den Hörern einer sein sollte.

Mit der Ausarbeitung dieser beiden Vorlesungen (ich kann von der zeitraubenden Gewohnheit nicht lassen, alles nahezu druckfertig zu präzisieren und stilisieren) steht meine Beschäftigung mit der mehrdimensionalen Geometrie in Zusammenhang. Meine Hörer werden nichts zu lachen haben, wenn ich zu den mehrfachen Integralen komme. Denn Theorie habe ich noch nie vorgetragen. Ich glaube übrigens nicht, daß das in München einmal gebracht wurde. Zur sogenannten "gedruckten" Arbeit komme ich in diesem Semester überhaupt nicht.

Desgleichen leider im vorigen Wintersemester. Ich hatte das "Mathematische Kolloquium" ins Leben gerufen, wozu ich mich seit längeren verpflichtet glaubte; besonders seit hier mangels fortgeschrittenen Studenten kein "Seminar" mehr abgehalten werden kann. Ich hatte für meine Gäste, etwa 30 Herren, teils Ingenieure der Werften, teils Marine- oder sonstige Studierende, das Thema "Bessel'sche Funktionen" gewählt. In Wahrheit ist die Veranstaltung nichts anderes als eine Vorlesung für Fortgeschrittene. Aber was hat mich das für eine Zeit gekostet! Drei Monate vorher habe ich mich aufs Intensivste in die Materie eingearbeitet, habe mir einige Teile der Funktionentheorie (die nicht in meinen früheren Vorlesungen vorkommen, weil ich nie zu einem zweiten Teil gekommen bin! [mangels Hörern]) vorlesungsreif ausgearbeitet ("Nutzeffekt"?), mit Integrationsvertauschungen von unendlichen Doppelintegralen laborierte ich wochenlang; die Bessel'schen Funktionen selbst waren nur ein Teil meiner Arbeit. Meiner leidigen Veranlagung nach habe ich fast so etwas wie ein neues Buch über die Bessel'schen Funktionen geschrieben (Nutzeffekt?). Ein anderer hätte es in drei Wochen gemacht. Ich brauchte 5 oder 6 Monate. Nie hätte ich das begonnen, wenn ich diesen Zeitaufwand geahnt hätte. Und da soll man nicht täglich um seine kostbaren Skripten zittern! Jetzt im Augenblick sind sie im Keller; aber wenn heute Nacht eine Brandbombe in das verlassene Haus fällt, brennt es bis auf den Grund nieder. Als ich kurz vor 22 Uhr zur Universität wegging, war nicht eine Menschenseele im ganzen Haus und ich mußte meiner Wohnung und des zweiten Stockes Schlüssel, die ich dem Hausmeistersehepaar dalassen wollte, wider Willen mitnehmen. Aber die beiden würden auch sonst kaum einen Löschversuch machen.

Weil ich gerade auf dieses Thema gekommen bin: ab 20 Uhr war ich mit Räumen und Herrichten beschäftigt. Einige wichtige Papiere, den Schmuck (soweit er hier ist), Notizbücher, Reservebrillen (vor allem wegen der nicht mehr erhältlichen Fassungen. Aber meine zylindrischen Gläser sind nicht leicht mehr zu bekommen.), einige Uhren und dergleichen wurde in zwei Aktentaschen verstaut, die ich hierher (in die Universität) mitnahm. Alles sonstige Wichtige, vor allem die in der Wohnung befindlichen mathematischen Skripten (insbesondere die neu angelegten Kolleghefte) tat ich in den Keller. Dort sind jetzt die zwei großen Bettkisten, vier der neuen Kisten, zwei große Koffer, sieben Handkoffer, ein Karton und eine dick gefüllte Einkaufstasche. Und das ist noch nicht alles, was ich eigentlich hätte hinunterbringen sollen. Außerdem sorge ich mich wegen der in letzter Zeit häufig in der Zeitung bekanntgegebenen Kellereinbrüche. Die eiserne Gittertür, die einen verschließbaren Zugang zu den Kellerräumen bildete, mußte einer unverschließbaren Luftschutztüre weichen. Nun ist nur die schwache Holztür unseres Kellerabteils verschlossen. Jeder Gelegenheitseinbrecher kann ohne Hinderung in den Kellerraum gelangen und wird eine solche letzte Tür wohl aufbringen. Als ich um 22 Uhr wegging, durfte ich nicht einmal die Haustüre zuschließen, da vielleicht der Hausmeister ohne Hausschlüssel fortgegangen war. Alles könnte einer wegtragen.

Seit Jahren rühre ich kaum eine Taste an. Nun geriet ich in einer Dämmerstunde zufällig an die Beethovensonate Nr. 13. Sie hat mich so bewegt, daß ich sie besser üben will. (Nutzeffekt?)

Um 22 Uhr kam ich hier (in der Universität) an. Jetzt ist es 1.30 Uhr. Ich muß drei Stunden ununterbrochen geschrieben haben. So viel Zeit kosten Tagebuchaufzeichnungen, die lediglich unsere heutige Situation darstellen sollen. (Nutzeffekt?). In meinem Amtszimmer, im ganzen Gebäude herrscht unheimliche Ruhe. Das Luftschutzbett, das ich mir habe hereinstellen lassen, ist so hart, daß ich stets auf dem Sofa schlafe, mit Hilfe danebengestellter Stühle.

Am Do. aß ich schon alle Reste von Suppen und Gemüsen auf. Am Fr. und Sa. gab's mittags und abends geröstete Kartoffeln mit grünem Salat. Aber sogar diese primitiven Mahlzeiten erfordern insgesamt (d.h. mit Aufessen, was ich meist stehend in der Küche tue, und Spülen) ungefähr je eine Stunde. Am Vormittag ist bei mir nicht viel los mit der Arbeit, aber abends sitze ich stets bis 1 oder 2 Uhr darüber, sodaß jetzt über die ruhigen Feiertage wohl mindestens acht Stunden täglich herausspringen. Übrigens ist es in anderem Sinne nicht so ruhig. Ein- oder zweimal war Luftwarnung, eines Nachmittags (ich weiß gar nicht mehr, ob gestern oder vorgestern) wurde plötzlich dick vernebelt, es dauerte fast eine Stunde, aber es erfolgte keine Luftwarnung. Natürlich ist man auf den Beinen, richtet her, packt die benützten Skripten u. dgl. zusammen, stellt die Koffer bereit, ich schließe den Flügel ab, mache alle Türen zu, lasse die Badewanne vollaufen, dazwischen schaue ich vorn und hinten hinaus, kurz, es ist fast wie bei Alarm, nur daß man sich Zeit läßt.


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Letzte Aktualisierung am 11. Juni 2017

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