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 Dr. Fritz Lettenmeyer (1891-1953)
 Aus Tagebüchern

Nach Bombenangriffen in Kiel (Feb. 1942)

Kiel, 26.2.1942 Heute früh zum ersten Mal seit vielen Wochen wieder ein Angriff. Die drei großen Schiffe, die neulich den Durchbruch durch den Kanal gemacht hatten, sollen hier im Hafen liegen. Ich sah allerdings nur eines in dem großen Trockendock an der gewöhnlichen Stelle, es wird wohl die Gneisenau sein. Da die Engländer es immer sofort heraus haben, wenn hier ein Schiff liegt, da ferner erst seit wenigen Tagen klares und mondhelles Wetter herrscht, war schließlich der Angriff zu erwarten.

Bald sah ich einen großen Brand im Werftgelände drüben, es brannte noch heute Mittag weiter. Ferner gingen zahlreiche Sprengbomben nieder, die unser Haus zum Teil erdbebenartig erschütterten. Wir haben wieder einmal Glück gehabt.

Das Klinikviertel wurde durch einen Reihenwurf schwer mitgenommen. Die Hautklinik bekam einen Volltreffer, der im obersten Stockwerk explodierte. Nach vorne sind alle Fenster kaputt, von hinten sieht man innen und oben einen wüsten Schutthaufen. Eine zweite Bombe ging unmittelbar neben der Seitenwand des Hauses nieder. Zwei gingen direkt neben dem Thea-Diederichsen-Stift am Schwanenweg nieder, das schwer beschädigt ist, wahrscheinlich unbewohnbar. An der anderen Seite des Schwanenweges ist von dem Historischen Seminar in P.'s Grundstück ein Stück weggerissen. Das ist 200 Meter von unserem Haus weg, vielleicht war das die Ursache der Erschütterung, wo im Schlafzimmer (ich stand gerade unter der offenen Balkontür) die Wände und Bettgestelle krachten. Merkwürdigerweise hörte ich aber dabei keine Detonation, sondern nur ein schwaches Rollen.

Im Klinikviertel muß aber noch mehr passiert sein. In dem Riesenbau der Frauenklinik ist kein Fenster mehr heil, natürlich ist auch die Ohrenklinik (neben der Frauenklinik) ohne Fenster. Den größten Krach hörten wir von dem Volltreffer in die Torpedobootinspektion, das ist 500-600 Meter von uns am Ufer, das kostete allein Tausende von Fensterscheiben. Bei uns prasselten die Treppenfenster nach innen, ferner gingen in den unteren Stockwerken einige der nach Norden und sogar einige der entgegengesetzten Fenster kaputt. Ich war gerade am Bett des kranken Herrn P. im ersten Stock, im Keller fiel der Mörtel von der Decke, wir dachten alle, es hätte im Haus eingeschlagen oder doch direkt daneben. An der Einschlagstelle entstand ein ziemlicher Brand mit dicken, weißen Rauchwolken, der die direkt danebenliegenden Schiffe hell beleuchtete. Wir waren heute vormittag dort, es ist ein wüster Trümmerhaufen, gebrannt hat scheinbar nur eine Baracke, doch liegt zahlreiches Trümmerwerk von Balken herum. Von all den neuen, großen Marinegebäuden sind zum Teil die Dächer abgedeckt und nicht mehr viele Fenster heil. An der Stationsbibliothek hängen die Fensterrahmen, mit zum Teil nicht zerbrochenen Scheiben (!) schräg aus dem Mauerwerk heraus.

Sehr schlimm sehen Seeburg und die Kunsthalle aus. Bei der Seeburg muß die Bombe unmittelbar neben der Hausmauer in Höhe des ersten Stockwerks detoniert sein, weil einige Bäume in halber Höhe abgerissen, Äste weggeschleudert und die Rinden von Sprengstücken zerrissen sind. In der Kunsthalle wird nichts mehr heil sein, denn die Fenster sind samt den Rahmen verschwunden. Zwischen den beiden Gebäuden ist die Straßenbahn unterbrochen. Natürlich ist auch in der daneben befindlichen Universität kaum noch ein Fenster heil. Vor dem Seegarten sollen sechs Bomben ins Eis der Förde gegangen sein, das galt der Gneisenau. Auch dort wurden, als ich vorbeiging, schon zahlreiche Schaufenster und andere Fensteröffnungen vernagelt.

Am Hohenzollernring wurde das Altersheim getroffen, dort soll es 16 Tote gegeben haben. Die heutige Zeitungsmeldung gibt 3 Tote, 27 Verwundete und 11 Vermißte unter der Zivilbevölkerung an. Auch im heutigen Heeresbericht wird Kiel erwähnt mit "geringen Opfern unter der Zivilbevölkerung". Was in der Werft und drüben in der Torpedoinspektion passiert ist, werde ich kaum erfahren.

Die Abwehr war auffällig gering. Es wurde im Vergleich zu sonst sehr wenig geschossen. Allerdings heißt es in dem Zeitungsbericht, daß die Bomben aus sehr großer Höhe geworfen worden wären. Im Norden von Kiel wurde ein Flugzeug abgeschossen. Die Engländer haben es also diesmal offenbar leicht gehabt und ihre Erfolge an den beiden Bränden natürlich auch deutlich gesehen. Wir erwarteten daher, daß sie heute Nacht wiederkommen werden. Sie müssen doch nach dem monatelangen trüben Wetter die gute Sicht ausnützen.


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Letzte Aktualisierung am 11. Juni 2017

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