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Home Aus Briefen Rückblick und Ausblick zur beruflichen Arbeit (Frühjahr 1943) Aus Tagebüchern
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 Dr. Fritz Lettenmeyer (1891-1953)
 Aus Briefen

Zwei Briefe und eine Erklärung von Oskar Perron (1946)

Dießen am Ammersee, Haus 292, 16.9.46

Lieber Herr Lettenmeyer!

Endlich mal ein Lebenszeichen von Ihnen; ich habe schon lange darauf gewartet. Ist es doch schon einige Jahre her, daß wir uns zuletzt gesehen haben; ich weiß gar nicht mehr recht wo, in Jena oder in Würzburg. Und dabei schreiben Sie eigentlich nur Dinge, die ich schon wußte, und gar nichts von Ihren persönlichen Erlebnissen der letzten Jahre. Ich nehme an, daß Sie Ihre Zeit vielleicht nicht mehr mit der Berechnung von Sternpositionen für Südafrika zu verplempern brauchen. Aber was haben Sie positiv gemacht? Wie ist es Ihnen in den letzten Kriegsjahren in Kiel ergangen und wie haben Sie den Endsieg überstanden? Und wie geht es Ihrer Frau und Ihren Kindern? Das sind doch alles Dinge, die mich interessieren würden.

Um nicht in denselben Fehler zu verfallen, will ich gleich von mir anfangen. (...) Als 1943 die Bomben zunahmen, wurden wir von Bekannten eingeladen, zu ihnen nach Dießen zu ziehen. (...) 1944 wurde mein Haus bombardiert und ist unbewohnbar, sodaß wir seitdem ein gewisses Recht auf die Dießener Wohnung haben und zunächst gar nicht nach München können. Seit einem 3/4 Jahr bemühe ich mich um die Instandsetzung, habe nach vielen Mühen auch die Genehmigung und etwas Material bekommen, aber mit der Arbeit ist noch nicht angefangen. Den Winter über sind wir ja auch hier wohl noch besser aufgehoben; denn ich habe als Ersatz für Bergtouren schon 200 Rucksäcke voll Holz im Wald gesammelt und da brauchen wir nicht zu frieren. Unsere jüngste Tochter hat ihren Beruf seit vier Jahren aufgegeben, um unseren Haushalt zu führen. Sie sammelt fleißig Beeren und Schwammerl; jeden Tag gibt es wenigstens einmal markenfreie Schwammerl. Zum Arbeiten komme ich natürlich nicht, habe weder Schreibtisch noch Bücher, halte aber immerhin seit Eröffnung der Universität vier Stunden Vorlesung pro Woche, muß zu diesem Zweck zweimal nach München fahren und dadurch noch mehr Zeit vertrödeln. Meine Bücher sind zwar gerettet, aber ich habe keinen Raum, sie benutzbar aufzustellen. Ins Gebirge bin ich die letzten Jahre natürlich wenig gekommen. 1943 habe ich Herrn Hopf ( http://litten.de/fulltext/cara.htm Nachfolger von Carathéodory) aufs Totenkirchl geführt, 1944 war ich auf der Dreitorspitze (NO-Gipfel), 1945 natürlich nirgends. Dieses Jahr hat es bis jetzt zum Gr. Waxenstein und Alpspitze gereicht, während der Kl. Waxenstein, zu dem ich neulich antrat, verregnet wurde. – Meine übrige Zeit hier habe ich im letzten Kriegsjahr mit der Abfassung von Antinazigedichten ausgefüllt, bei denen manchen Leuten die Haare zu Berg stehen würden und die mich natürlich mindestens nach Dachau gebracht hätten, wenn ich mich auf meine Freunde nicht hätte verlassen können oder wenn eine Haussuchung gekommen wäre.

Aber irgendwie mußte ich mir doch Luft machen, und auch jetzt geben die Nürnberger und andere Halunken immer noch reichlich Gelegenheit zur Fortsetzung der Sammlung. Es ist übrigens merkwürdig, wie man beim Dichten hinter die Feinheit der deutschen Sprache kommt und dazu geführt wird, sich intensiv mit dieser Sprache zu beschäftigen. So habe ich bemerkt, daß manche deutsche Wörter meistens ganz falsch gebraucht werden. Zum Beispiel in dem Wort "Mitläufer" steckt doch nicht der geringste Anklang an NSKK oder so etwas Ähnliches. Trotzdem gibt es Leute, die meinen, man müßte sie als Mitläufer verachten, weil sie einmal zwangszweise zum NSKK oder zur SA oder sonst einem Hottentottenverein gegangen sind. Aber ein Mitläufer ist doch sprachlich ganz etwas anderes und deshalb ist er auch bei mir einfach einer, der mitgelaufen ist, indem er z.B. Nazi-Siege bejubelte oder indem er glaubte, daß die Nazis eine ganze Reihe vernünftiger innenpolitischer Maßnahmen durchgeführt hätten. Neulich traf ich sogar einen, der das heute noch glaubt! Dem habe ich es aber gesteckt, das geht ja eigentlich schon übers Mitlaufen hinaus. Bei meinen Gedichten habe ich auch eines über die Geschichte der Nazis von 1933 an, da sind die innenpolitischen Maßnahmen aufgezählt, allerdings nicht lückenlos, sonst wäre es so lang wie die Ilias geworden. Mit dem Reichstagsbrand ging es an. Bei dem Schwindelprozeß mit dem ewig narkotisierten Lubbe wurden Torgler und die drei Bulgaren freigesprochen, aber natürlich trotzdem eingesperrt. Dann kam die Bücherverbrennung, die Einrichtung der Konzentrationslager, in welchen mißliebige Leute ohne jeden Rechtsgrund eingesperrt und zu Tode gemartert wurden, die Hetze gegen jüdische Geschäfte, die in Wahrheit viel reeller waren als "arische", und gegen jüdische Professoren, z.B. den besten deutschen Zahlentheoretiker Landau, die Absetzung der Juden (Zerstörung Göttingens schon 1933 vollendet), die "freien" Reichstagswahlen, wo etwa 600 Narren auf einem Zettel standen, auf den man freiwillig ja schreiben mußte. Dann die Zerstörung der Universitäten nicht durch Absetzung von Professoren, sondern z.B. auch durch die Dozentenlager und durch solche Organe wie Dozentenschaftsleiter. Was hat allein der Thüring für Schaden gestiftet! Freilich waren seine Taten keine Maßnahmen der Regierung, aber es war auch nicht das Wirken eines ungeeigneten zur Macht gekommenen Mannes, sondern eines Mannes, der eben von der Regierung hingesetzt war, um diese Taten auszuführen, weshalb er ja auch seinen Lohn (Professur in Wien) bekam. Dann kam der "Feldzug gegen die Meckerer und Miesmacher", der ganz überraschend am 30. Juni damit endete, daß Hitler einfach seine besten Freunde umbrachte. Und daneben wurde noch eine Reihe ganz unbeteiligter Personen "aus Versehen" ermordet. Hitler hat im Reichstag vor seinen Puppen feierlich gelobt, daß durch eine gerichtliche Untersuchung die Vorgänge restlos aufgeklärt würden. Selbstverständlich wurde das Versprechen nicht gehalten und die Reichstagspuppen haben niemals dran erinnert. Dann kam die Gleichschaltung der Presse. Herr Göbbels durfte das Blaue vom Himmel herunterlügen, kein Mensch hatte die Möglichkeit, zu widersprechen. Unterdrückung der Auslandspresse, damit ja die Wahrheit nicht durchdringt. Dann die Gleichschaltung des Alpenvereins; jede Sektion mußte einen "Dietwart" haben. Wissen Sie noch, was das für ein Blödsinn ist? Und dann die vielen anderen Warte und Leiter usw. Und wissen sie noch, wie ängstlich man sich umsehen mußte, wenn man sich unterhielt, weil alles voller Spitzel war? Das alles habe ich dem Manne ins Gedächtnis gerufen und noch einiges Mehr. Er wird jetzt wohl einsehen, daß alle diese innenpolitischen Maßnahmen teils eklatante Rechtsbrüche waren, die das Fundament eines jeden Staates völlig zerstören müßten, teils Narrheiten, die uns ebenso die Verachtung der ganzen Welt eintragen mußten. Das das alles nur zum Untergang führen mußte, war von Anfang an klar. Dann kamen allmählich auch die außenpolitischen Maßnahmen und Rechtsbrüche dazu, die den Prozeß beschleunigten. Aber wie grauenvoll ist das Resultat!

Nun hoffe ich, daß die erzwungenen Konzessionen, die Sie einmal machen mußten, Ihnen nicht dauernd zum Schaden gereichen und daß Sie mit Hilfe meiner anliegenden Bestätigung wieder zu Ehren kommen.

Mit besten Grüßen, auch an Ihre Frau, Ihr  http://litten.de/fulltext/perron.htm Oskar Perron.


Eidesstattliche Erklärung

Professor Dr. Fritz Lettenmeyer, zuletzt Professor der Mathematik an der Universität Kiel, war in der Nazi-Zeit bis 1936 in München als Privatdozent und Assistent an meinem Seminar tätig. Irgendwelche aktive Nazitätigkeit habe ich bei ihm nie bemerkt. Dagegen ist mir bekannt, daß er unter Nazi-Schikanen mehrfach zu leiden hatte. So bekam er im "Dozentenlager", weil er nicht jeden Unsinn mitmachen wollte, eine schlechte Qualifikation. Aus Stuttgart, wo er 1 oder 2 Semester eine Vertretung hatte, so daß er nach damaliger Übung auf Übertragung der Professur rechnen konnte, wurde er wieder zurückgeschickt, weil die Stelle einem wissenschaftlich viel weniger gut qualifizierten Tübinger Privatdozenten freigemacht werden mußte, der sich als aktiver Nazi hervorgetan hatte (Schönhardt).

Ich erkläre, daß ich niemals der NSDAP oder irgendeiner Gliederung angehört habe. Mein Fragebogen wurde über die Universität München der amerikanischen Militärregierung vorgelegt, und ich bin in meinem Amt als Professor bestätigt worden.

Diessen am Ammersee, Haus 292, 16. Sept. 1946

Oskar Perron

Die Richtigkeit der Unterschrift von Herrn Geh.Rat Prof. Dr. O. Perron wird hiermit bestätigt.
München, den 27.9.1946 (Stempel) Prof. Dr. K. Clusius, Dekan.


Dießen, 28.9.46

Lieber Herr Lettenmeyer!

Es tut mir sehr leid, daß Sie bei den Luftangriffen so ziemlich Ihr Hab und Gut verloren haben; zum Glück können Sie mit Ihrer Familie wenigstens in Hof unterkommen. Vermutlich haben Sie es dort sogar noch etwas üppiger getroffen als ich hier in Dießen, wo ich in sehr beschränkten Verhältnissen lebe. Und Sie haben sogar noch eine Schreibmaschine zur Verfügung, während die meine, die bei der Räumung des Hauses nicht mehr mitgenommen werden konnte und übrigens durch den Angriff auch beschädigt war, schon lange gestohlen ist (mit vielem anderen). Sehr leid tut es mir auch, daß Sie gesundheitlich so übel dran sind. Ich hoffe, daß Sie doch bald wieder ganz hergestellt sein werden. Für einen herumhumpelnden Greis sind Sie doch noch zu jung, Sie sollten noch auf ein paar Berge können, wenn auch nicht gerade auf Viertausender, die den Deutschen wohl noch lange Jahre versperrt sind. Ich denke, daß ich Sie in München im Krankenhaus einmal besuchen kann.

Heute muß ich Ihnen nun noch eine Geschichte erzählen, die irgendwo im fernen Turkestan oder auch in Neuguinea (so genau weiß ich es nicht) passiert sein soll. Da lebte in einer kleinen Gemeinde ein gelernter Raubmörder, dem eines Tages bei Ausübung seines lukrativen Gewerbes zwei Millionen in die Hand fielen. Mit der einen Million baute er sich einen wunderbaren Palast, in dem er mit einigen wenigen Spießgesellen das ganze Geld verpraßte, das ihm bei seinen anderen Raubzügen andauernd in die Hände fiel. Mit der anderen Million aber baute er ein wunderschönes Erholungsheim, für die übrigen Dorfbewohner, wo jeder 14 Tage im Jahr umsonst verpflegt wurde. Das imponierte den Leuten natürlich sehr, da ja das Rechtsgefühl bei den Turkestanern oder Papuas noch nicht so ausgebildet war wie bei uns. Sie erklärten den Raubmörder für den größten Wohltäter der Menschheit und nahmen von den Verbrechen gar keine Notiz. Nachdem sie gründlich geködert waren, konnte der Raubmörder auch seinen sadistischen Gefühlen freien Lauf lassen. Es machte ihm besondere Freude, bei den Orgien, die täglich in dem Palast gefeiert wurden, das ganze Haus von oben bis unten in einen Schweinestall zu verwandeln, und die anderen Dorfbewohner mußten es jeden Tag wieder sauber fegen. Dabei hatten sie bei Betreten des Palastes stets den davor aufgepflanzten Geßlerhut zu grüßen und mußten unterschreiben, daß sie die ganze Drecksarbeit freiwillig machen. Da aber das Gefühl für Menschenwürde in jenem fernen Lande noch nicht so stark entwickelt war wie bei uns, machte ihnen das wenig aus. Sie hatten ja ihre 14 Ferientage in dem Erholungsheim bei freier Verpflegung, und das war die Hauptsache. Allerdings soll es auch einige wenige gegeben haben, zu denen die Lehre des Konfuzius bereits gedrungen war und die deshalb ein Gefühl für Recht und Menschenwürde hatten. Diese wollten das Erholungsheim nicht recht anerkennen, weil der ganze Betrieb auf fortwährendes Verbrechen gegründet war und die Menschen zu Haustieren erniedrigt wurden. Auf diese hörte man aber nicht und sie mußten ihre Meinung auch ganz für sich behalten, weil sie sonst immer Gefahr liefen, liquidiert zu werden.

So, und nun wünsche ich Ihnen gute Erholung und hoffe, daß Sie mit den beglaubigten Gutachten wieder in Ihre alten Rechte eingesetzt werden.

Mit vielen Grüßen, Ihr O. Perron.


Aus dem Nachlaß von Fritz Lettenmeyer. An den mit (...) gekennzeichneten Stellen sind einige Sätze weggelassen, die sich auf den Gesundheitszustand von Perrons Gattin beziehen.


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Letzte Aktualisierung am 11. Juni 2017

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