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 Dr. Fritz Lettenmeyer (1891-1953)
 Aus Tagebüchern

Aufenthalt in München (Aug. 1942)

Diese paar Tage in München sind eine ununterbrochene Hetze. Entweder im wörtlichen Sinn; denn man verfährt viel Zeit auf der Straßenbahn. Oder man hat unnütze Laufereien ("jeden Dienstag geschlossen", "Geschäftszeit 9.00 bis 11.30", "Betriebsferien") oder man wartet ewig aufs Essen, wenn man das Glück gehabt hat, in ein nicht geschlossenes und nicht überfülltes Lokal zu kommen, wo es noch etwas gibt.

Soeben wartete ich von 17 Uhr bis 19.20 Uhr bei Dr. S. (Zahnarzt). Als ich endlich drankam, fiel ihm der Zahn, den er mir einsetzen wollte, herunter und ließ sich auf dem Boden einfach nicht wieder finden, obwohl wir beide herumkrochen. Nun muß ich morgen nochmal kommen und wir wollen doch Mittags abfahren! Dann fuhr ich, nach langem Warten auf die Straßenbahn, in den Fränkischen Hof. Hier gab es nichts mehr zu essen, doch hätte ich Bier bekommen. Dann wechselte ich in die "Drei Raben", bekam etwas zu essen, dafür gab es da kein Bier mehr. So lebt man also jetzt in München.

Wenn in einem Lokal ein Platz oder ein Tisch frei ist, ist er reserviert. Wie viele Tische haben die Wirte in ihrem Gastlokal verschwinden lassen! Im Rheinhof sind ganze Straßen zwischen den Tischreihen, wo man sich sonst kaum durchdrücken konnte. In einigen Lokalen gibt es Schoppenweine. Bei Schwarzwälder war es am Sonntag geschlossen, am Montag kamen wir nicht hinein (wir konnten erst "ausgehen", wenn die Kinder ins Bett gebracht waren), am Dienstag ging ich früher hin (das Lokal wird um 19 Uhr geöffnet, die Leute stehen schon vor der Tür und warten auf Einlaß, später läßt der Portier niemand mehr herein) und bewerkstelligte durch ein hohes Trinkgeld, daß Käthe um 21 Uhr noch hereindurfte.

Am Abend vorher waren wir noch in den Fränkischen Hof gegangen, ein von jeher wegen seiner Schoppenweine beliebtes Lokal. Zwei Drittel der Anwesenden hatten Wein vor sich. Meine Bestellung wurde aber abgelehnt. "Nur Stammgäste bekommen Wein". Diese Kerle, die jeden Tag anmarschieren, kriegen also jeden Tag Wein, und der Fremde gar nichts. Durch persönliche Rücksprache mit der Wirtin, der ich von unseren Kieler Bombenangriffen erzählte, erreichten wir dann doch noch, daß ich ein Viertel, Käthe ein Achtel bekam! So sieht es also in München aus. Und den ganzen Tag hat man Hunger.

Junge Burschen in HJ-Uniforn machen in der Straßenbahn stramm den Schaffnerdienst. Reparatur am Photoapparat abgelehnt. Belichtete Filme werden entwickelt, aber keine Abzüge davon geliefert. Rollfilme gibt es nicht mehr zu kaufen.


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Letzte Aktualisierung am 11. Juni 2017

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