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Home Aus Tagebüchern Über die berufliche Arbeit (Juni 1943) Bombenangriffe in Kiel (Jan. 1944)
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 Dr. Fritz Lettenmeyer (1891-1953)
 Aus Tagebüchern

Reise von Hof nach Kiel (Okt. 1943)

4.10.1943 Wir sind bald aufgestanden, obwohl schon alles gepackt war. Ich mußte noch mit Herrn S. zur Bank. Um 11 Uhr zu Mittag gegessen. Dann fuhren wir auf einem geborgten Handwagen unser Gepäck zum Bahnhof. Zwei Koffer und das Apfelpaket, zusammen 40 kg, gaben wir als Gepäck auf. Ich hatte den schweren Rucksack mit drei Honigflaschen (Literflaschen), der Aktenmappe (ich hatte stets die wichtigsten Papiere bei mir) und den guten Stiefeln; der Rucksack durfte während der ganzen Reise nicht gestürzt werden. Dann zwei kleinere Handkoffer: den "Fluchtkoffer" mit wichtigen Dingen drin und den "Eierkoffer", der auch nur aufrecht stehen durfte, weil Weckgläser mit eingemachter Gans sowie unser in T. gesammeltes Butterschmalz drin waren. Am Bahnhof erfuhren wir, daß der Münchener Zug 90 Minuten Verspätung hatte; da konnten wir den Anschluß in Leipzig nicht mehr erreichen. Wir verschoben unsere Abfahrt auf 17.36 Uhr. Das gesamte Handgepäck mußte zur Aufbewahrung gegeben werden und dabei ängstlich darauf geachtet, daß alles aufrecht getragen und abgestellt wurde. (Das blieb bis zum Ende der Reise unsere stete Sorge.) Dann wieder in die Westendstraße. Ursel mußte ins Bett, in Anbetracht der bevorstehenden Nacht, kam aber nach einer halben Stunde wieder zum Vorschein.

Die Reise bis Leipzig verlief erträglich, es war der "beschleunigte Personenzug", der nicht so überfüllt ist wie die D-Züge. Wir erreichten Leipzig ziemlich pünktlich um 22 Uhr. Der Hamburger Eilzug stand schon da und war voll besetzt, obwohl er erst um 22.30 Uhr abgehen sollte. Nachdem dieser Zug neulich auch schon um 22 Uhr wegen Überfüllung gesperrt war, hatten wir nicht damit gerechnet, noch hineinzukommen. Aber wir hatten Glück. In dem Abteil, vor welchem wir auf dem Gang standen, waren Hamburger Rückwanderer. Die hatten mit vielem am Boden stehenden Gepäck und belegten Plätzen sich so ausgebreitet, daß alles besetzt schien. Das brachten diese Leute fertig, während der Seitengang schon so voll stand, daß kaum mehr durchzukommen war. Jedenfalls ein Beweis für die anständige Gutgläubigkeit des deutschen Reisepublikums.

Nach einigem Zureden gelang es mir erst, Ursel hineinzubringen; und nach und nach stellte es sich heraus, daß für mich und Käthe und schließlich sogar noch eine Dame immer noch Platz war! Diese Hamburger Gruppe war ein nettes Beispiel. Da war eine etwas ordinäre Frau, Mutter von fünf Kindern, mit einem unglaublichen Mundwerk. Das schnatterte stundenlang ununterbrochen in einem ohrenzerschneidenden scharfen Ton und mit empörender Anmaßung über alles losziehend. Nur wenige der Nachtstunden waren ungestört. Die Frau, ihr Sohn und noch eine jüngere Frau rauchten Zigaretten. Ich durfte wenigstens hie und da lüften. Ich erinnere mich an meine Fahrt mit dem gleichen Zug anfangs Mai; da rauchte ein Kerl die ganze Nacht Zigarettentabak aus einer kurzen Stummelpfeife und verpestete das kleine Abteil trotz Protestes der Mitreisenden und ohne Rücksicht auf zwei kleine Kinder. Das war eben ein deutscher Gentleman. Ich bemerke, daß man in diesen Zeiten wegen der Verdunklung nachts nie ein Fenster öffnen konnte.

Von 22 Uhr bis früh 7 Uhr waren wir in diesem Abteil. Die Frau erzählte mit Empörung von ihrer Aufnahme in einem Dorf in Niederbayern. (Nach der Hamburger Katastrophe kamen die Obdachlosen merkwürdigerweise nach der Oberpfalz und Südbayern, warum denn nicht erst in den Thüringer Wald oder sonst nach Mitteldeutschland?) Sie sei von der Bauersfrau miserabel behandelt worden. (Ich habe aber mehrfach erzählt bekommen, wie anspruchsvoll und anmaßend sich die Hamburger bei ihren bayrischen Quartiergebern aufgeführt haben.) Ihrer Erzählung nach hat die Bauersfrau immer erst nach fünf Minuten eine Antwort gegeben. Das muß man sich vorstellen: eine langsam und schwerfällig redende bayrische Bäuerin und diese Hamburger Revolverschnauze. Da kommt die erstere einfach nicht zu Worte und sagt eben dann überhaupt nichts mehr. Die beiden Frauen waren wirklich ein ekelhaftes Pack: Herumreiten auf ihrem Bombenschaden, Schimpfen über jede geleistete Hilfe, obwohl aus ihren Worten sogar hervorging, daß sie Vieles und Schönes erhalten hatten. Auch das Mundwerk des jungen Mannes war schnoddrig im höchsten Grad.

Die Fahrt durch Hamburg am frühen Morgen zeigte viel Zerstörung. Rechts und links der Bahn Ruinenfelder. Besonders fallen ins Auge die nackten Fassaden, wie Theaterdekorationen wirkend neben aufgeräumten Straßen, offenbar durch nachträgliche Sprengung so isoliert stehen geblieben. Wir hörten wieder von den schrecklichen Szenen, wie Frauen ihre brennenden kleinen Kinder in die Elbe geworfen hätten, daß sich in einem Bunker die Menschen nackt ausgezogen hätten vor Hitze und daß man sie später so als Leichen gefunden habe, daß Haufen von Leichen auf ein Drittel ihrer Größe zusammengeschrumpft dagelegen seien, das wird alles wahr sein und in Wirklichkeit wird noch unsagbar schlimmer gewesen sein. Von zu viel Seiten werden diese Dinge erzählt, als daß es übertrieben sein könnte. Man kann sich offenbar die Wirkung des Phosphors und des Feuerwindes nicht entsetzlich genug vorstellen. Nur die Zahl der Toten wird Unsinn sein, die Angaben (schon in T.) schwanken zwischen 300.000 und 700.000.
Nachtrag: Im nächsten Jahr hörte ich vom Kollegen K. (Chemiker und dienstlich in Beziehungen zur Feuerpolizei), daß 60.000 die Zahl der Opfer dieser wenigen Tage sei. Das erscheint mir glaubhaft, nachdem auf dem Ohlsdorfer Friedhof 40.000 beigesetzt sein sollen.

Im Seitengang lagen Leute zwischen den Beinen der Stehenden und auf den Koffern Sitzenden, aber mit akrobatischen Wendungen und Übersteigung vieler Hindernisse war es in diesem Zug ausnahmsweise möglich, ans Ende des Wagens zum Abort zu kommen. Dieser war sogar nicht wie sonst völlig mit Koffern verbarrikadiert, sondern es war von zwei Frauen mit Gepäck besetzt. Ich hatte mich noch vor der Abfahrt in Leipzig hingekämpft, die eine Frau ging heraus, aber der anderen war das nicht mehr möglich, da außen einfach kein Platz für einen weiteren Menschen war. So blieb sie auf meinen Vorschlag einfach drin, während ich ein kleines Geschäft verrichtete. Dunkel war es ohnehin. Im Lauf der Nacht sind die Frauen noch recht oft gestört worden, wie ich aus dem ständigen Gestöhne der den Seitengang Passierenden und der dieses Passieren dulden Müssenden entnehmen konnte. (Nachtrag: 1944 war von einer solchen Passierbarkeit keine Rede mehr.)

In Altona erhielten wir nach einer Stunde Aufenthalt einen guten Platz und kamen etwas vor 11 Uhr in Kiel an. Wieder die Gepäckschlepperei, aber wir gelangten in die überfüllte Straßenbahn. Dann eine neue Periode der Schlepperei: was da alles aus dem Keller heraufgeholt werden mußte, Bettzeug, das in Kartons Verstaute, das von Nördlingen geschickte Gepäck und sonst noch so Manches. Meine Blutdruckmessung ergibt 220 mm. Nach einem kleinen Mittagessen ging die Schlepperei weiter. Um 14 Uhr legten wir uns hin, auch Ursel mußte nach langem Kampf ins Bett und schläft jetzt fest. Ich selbst hatte solchen Druck im Kopf und Wallungen vor den Augen, daß ich nicht liegen konnte und es vorzog, wieder aufzustehen. Es wird Tage dauern, bis ich hier wieder ins Geleise einer Arbeit komme; alles mögliche liegt herum und muß geordnet werden, Korrespondenz hat sich angehäuft, ein langer Besorgungszettel ist abzuarbeiten. Dazu jede 4. Nacht auf Brandwache in die Universität. Es wird 2-3 Wochen dauern, wie schon immer bei einer Rückkehr nach Kiel, bis ich mich so richtig an die Arbeit setzen kann.

Frieren tun wir auch; wir sind an den warmen Ofen in Hof gewöhnt, aber hier soll möglichst spät mit der Heizung des Hauses begonnen werden, sonst sind wir im Februar mit dem Koksvorrat zu Ende.


22.10.1943 Ich bin vor lauter Kleinkram und sonstigen Abhaltungen noch nicht ins richtige Arbeiten gekommen, trotzdem wir schon über zwei Wochen wieder hier sind. Gestern vormittag Luftschutzkonferenz in der Universität, nachmittags Ausbildung an der Feuerspritze, abends auf Brandwache in die Universität, heute früh übernächtig. Dann sind ein paar Briefe fällig, ein paar Zahlungsüberweisungen müssen ausgeschrieben werden, da sind noch leere Flaschen nach Hof abzuschicken, eine leere Kiste für Äpfel soll nach Nördlingen geschickt werden, dazwischen die üblichen Unterbrechungen, und schließlich stehen immer noch ein halbes Dutzend Besorgungen auf dem Merkzettel.

Nachschrift 1946: Die Ausbildung an der Feuerspritze hat uns mehrere Nachmittage gekostet. Am Schluß stellte sich heraus, daß es doch besser wäre, die frühere eingearbeitete Mannschaft und nicht die Professoren dazu zu verwenden. Übrigens war es doch umsonst, denn das erste bei jedem Angriff war eine Störung der Wasserleitung. Die kleine Motorspritze der Universität hätte das Wasser nicht von weiter her pumpen können. Wir hatten nur etwa 100 m Schläuche.


23.10.1943 Früh 8 Uhr kamen 8 Zentner Briketts und Holz. Wegen Platzmangel mußte alles an der Wand entlang sauber aufgeschichtet werden. Ich wurde so schmutzig, daß ich ein warmes Bad brauchte. Später zum Westbahnhof, um die Kiste aufzugeben: Annahme gesperrt. In die Stadt, um salzloses Brot zu holen: Es gab wieder keines. Ein Paket auf die Post getragen. Und dazwischen noch Kleinigkeiten. Wieder ein Tag ohne Arbeit.


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Letzte Aktualisierung am 11. Juni 2017

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