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 Dr. Fritz Lettenmeyer (1891-1953)
 Aus Tagebüchern
 Bombenangriffe in Kiel (Jan. 1944)

5.1.1944: Zerstörungen in der Universität

Gegen 3 Uhr früh Alarm. Käthe und die Kinder gingen in den Bunker, aber es kam bald Entwarnung. Um 5.15 Uhr kam wieder Luftgefahr. Den Wecker auf 7 Uhr gestellt, ich mußte zur Organisation der Aufräumungsarbeiten in die Universität. Einige Studenten hatten sich eingefunden. Ich wies sie an, nach Hause zu gehen, schlechte Kleider anzuziehen, sich Schaufel oder Besen zu besorgen und so wiederzukommen. Für 10 Uhr war vom Rektor eine Besprechung in der Anatomie angesetzt. Es mögen etwa 15 Herren erschienen sein, alle gewissermaßen in Frack und Zylinder, ich als einziger im schmutzigen Arbeitsanzug und dito Stiefeln, da ich schon in der Universität umeinandergestiegen war. Kaum war die Sitzung eröffnet, da wurde Voralarm gemeldet. (Dies ist noch keine öffentliche Warnung, das geht telefonisch an Behörden, Krankenhäuser und dergleichen.) Natürlich gingen wir weg. Ich mußte erst nochmals ins Universitätsgebäude hinunter und ging durch den Botanischen Garten nach Hause. Schon zogen von allen Seiten die Menschen in die Bunker. Damals war es für Männer verboten, in den Bunker zu gehen, aber die wenigsten haben sich um so eine Vorschrift gekümmert. Ich traf S., der auf dem Weg zum Bunker war, und er sagte, es wäre einfach Wahnsinn, nicht hineinzugehen. Zuhause hatte schon Lore, die gerade heimgekommen war, das Gerücht vom bevorstehenden Alarm mitgebracht, ich trieb auch noch an, und so gingen sie alle in den Bunker. Sie waren gerade am Eingang, als wirklich Alarm ertönte. Nach einiger Zeit ging es auch los.

Ich stand mit Herrn B. (vom Nebenhaus Nr. 18), der mit seinen Angehörigen lieber in den Keller unseres größeren Hauses (Nr. 20) kommt, bis zuletzt außen. Bei der ersten Welle behauptete er, so und so viele Flugzeuge zu zählen, ich konnte aber gar keines sehen. Dann verschwanden wir im Keller. Bei der nächsten Welle sah ich deutlich die kleinen grauen Flugzeugkonturen von NW am Himmel daherkommen. Vorher waren wir stehen geblieben, bis B. sagte, nun seien sie über uns und über die Hauskante hinüber verschwunden. Diesmal aber zog ich doch vor, durch den Kellergang in den Schutzraum zu eilen, bevor sie den Zenit erreicht hatten. Theoretisch kann ja die Bombe erst nach dem Eintreffen des Flugzeuges in den Zenit des Beobachters ankommen, aber die Gefahr ist die, daß man ein vorausfliegendes Flugzeug nicht bemerkt hat und daß dessen Bomben ankommen, während man ein anderes nachfolgendes beobachtet. So ist es mir damals ergangen, als ich von unserem 3. Stock aus einige entferntere Flugzeuge, die von unserer Flak beschossen wurden, im Auge hatte, als dann plötzlich hinter den gegenüberliegenden Häusern die schwarzen Erdfontänen der in den Niemannsweg einschlagenden Bomben in die Höhe stiegen und im selben Augenblick etwas 3 m über mir ins Dach einschlug. Es war ein 27 Pfund schwerer Pflasterstein, über dessen Flugbahn ich mir heute noch den Kopf zerbreche.

Ich habe nie Gelegenheit gehabt, eine Schätzung der Höhe eines Flugzeuges kontrolliert oder wenigstens von einem Sachverständigen glaubhaft gemacht zu bekommen. Trotzdem meine ich, daß die Flugzeuge über 7000 m hoch geflogen sein müssen. Wie wäre es sonst zu erklären, daß von einer Flakabwehr nichts zu hören und nichts zu sehen war. Ich kann doch nicht glauben, daß bei einem Angriff auf Kiel überhaupt kein deutsches Geschütz schießt. Also müßten sie in einer von der Flak nicht mehr erreichbaren Höhe gewesen sein?

Wir sprachen noch darüber, ob die nicht bloß einfach nach einer anderen Stadt den Weg über Kiel weg genommen hätten. Erst bei der zweiten oder dritten Welle hörten wir das Geschwirr von Bomben, aber weiter entfernt. Und stets war nach kurzer Zeit wieder völlige Ruhe, ganz anders als am Tag vorher. Deswegen kamen wir auch immer wieder heraus. Von der Schwere dieses Angriffes hatten wir zunächst keine Vorstellung. Da gab es nun einen komischen Zwischenfall. Wir standen vor dem Haus, da sah ich an dem Verandafenster im 2. Stock des gegenüberliegenden Hauses erst rechts, dann links einen roten Streifen, was ich für Sonnenreflexe hielt. Dann wurde aber der Feuerschein von innen immer stärker, das ganze Fenster war von roter Glut erleuchtet, ich rief es B. zu und dann schrien wir beide "Feuer". Wir eilten, die Leute des Hauses aus dem Keller zu holen. Auch Frau L. war gekommen und sah es. Wir stürzten die Treppen hinauf in die offen stehende Wohnung. Nichts. Es war doch die Sonne gewesen. Es war nämlich im Süden eine ungeheure Rauchwolke aufgestiegen, durch deren Ränder die Sonne blutig rot hindurchleuchtete, das hatte diese intensive Färbung des Fensters bewirkt. Wir waren über zehn Männer, die sich jetzt zusammengefunden hatten. Ich möchte nicht unerwähnt lassen, daß ein Marinesoldat die riesige, sich bald über den halben Himmel ausbreitende Rauchwolke als aufsteigende Nebelschicht erklärte. Das sind die Fachleute! Es war gegen 12 Uhr Mittags und sonniges Wetter. Bald war die Sonne von Rauch völlig verschwunden. Es mußten ungeheure Brände entstanden sein. Und so war es auch. Erst lang danach kam die Entwarnung, gegen 13 Uhr. Und es dauerte diesmal länger als je, bis sie aus dem Bunker kamen.

Um das Tageslicht auszunutzen und endlich in meinem Amtszimmer nachzusehen, ging ich schon um 14 Uhr mit Lore fort. Zuerst bat ich Lore, sich in der Stadt umzusehen. Dann begann ich mit der Übersteigung des Schutthaufens im Gang vor meinem Zimmer. Das war gefährlich; denn der ganze Fußboden des 1. Stockes hängt beiderseits des Loches frei auf diesen Schutthaufen herein, der durch den Niederbruch der Wand und eben dieses Fußbodens entstanden ist. Die Tür zum Nebenzimmer und der große Schrank davor waren verschwunden, d.h. lagen als Trümmer herum. Ich begann, die größten Steine und Trümmer aus dem Zimmer zu werfen, teils zum Fenster hinaus, teils einfach ins Nebenzimmer. Das füllte sich mit Schutt und Brettern in dem Maß wie meines freier wurde, und ich baute dann mit Platten und Brettern einen passierbaren Fußweg durch dieses Nebenzimmer, um nicht immer unter der hängenden Decke durchschlüpfen zu müssen. In meinem Zimmer waren Schränke und Tische zertrümmert, die Schubladen mit Inhalt herausgerissen, die drei großen Büchergestelle umgeworfen und die Bücher mit Steinen und Schutt vermischt überall zerstreut. Aber sie waren mit wenigen Ausnahmen nicht ruiniert, ebensowenig wie die Akten und sonstiges Papiermaterial. Alles ließ sich aufheben und ausklopfen, und es wurde wieder ein Buch, was vorher unter dem Staub wie ein glatter Ziegelstein ausgesehen hatte, es war keine angenehme Arbeit für Lore und mich, ich mußte noch die halbe Nacht husten. Ich war an diesem Nachmittag der einzige Professor, der im Haus arbeitete.

Die schwere Doppeltür zum Gang hinaus war nach innen geschleudert worden und hatte meine Kiste und den (dadurch völlig verbogenen) eisernen Kleiderständer unter sich begraben. Die Tür zum Nebenzimmer war ebenfalls in mein Zimmer hereingestürzt und hatte den großen Modellschrank zerschlagen und mitten ins Zimmer geschleudert. Auf den Büchern, Heften und Zeitschriften lag der ganze, 2 bis 3 cm dicke Wandbewurf, aber auch viele von außen hereingeworfene Steine. Wir schaufelten zunächst den ganzen Schutthaufen hinaus, der zur Türe hereingequollen war; jedes Papier wurde aufgehoben, abgestaubt und eingeordnet. Drei meiner Kolleghefte, aus einzelnen Blättern in Umschlägen bestehend, die auf dem Tisch gelegen waren, ließen sich wieder zusammenfinden. Mit dem Handbesen kehrten wir die Staubschicht von jedem Blatt oder Buch ab, dann wurde es noch geschüttelt oder geklopft. Nur für die Wegschaffung der schweren Türen hatte ich den Hausmeister zur Unterstützung holen müssen. Von meiner Kiste, die Anzüge, Bettwäsche, Leibwäsche, Bücher und Hefte enthielt, auch einen Mantel von Käthe, war der Deckel abgesplittert, aber der Inhalt unversehrt, nur mit Staub und Schutt bedeckt. Erst wollten wir die Sachen zum Putzen mit nach Hause nehmen, aber Lore war dafür, sie doch noch hier zu lassen; falls es zu Hause brennen würde, wäre das gerettet, das war nach wie vor der Zweck dieser Kiste. Wir konnten nur bis zum Dunkelwerden arbeiten, gegen 1/2 5 Uhr.

Abends, 20 Uhr. Beim Licht einer Kerze haben wir zu Abend gegessen, dann legte ich mich hin, um das seit zwei Tagen etwas unruhige Herz ausruhen zu lassen. Käthe packte Rucksäcke und Fluchtkoffer um, auch Teppiche hat sie noch zusammengerollt und Vorhänge abgenommen. Wir erlauben uns jetzt den Luxus einer doppelten Beleuchtung, Lore sitzt im Dunkel in unserem Schlafzimmer bei Ursel am Bett, Käthe hat rückwärts zu tun und ich notiere einiges. Die ganze Wohnung riecht nach Brand. Das kommt von der riesigen Rauchwolke, die seit Mittag über dem südlichen Teil der Stadt liegt. Draußen rattern, in weiterer Entfernung, ununterbrochen die Motorspritzen wie gestern Abend. In Richtung des Blücherplatzes ist ein großer Feuerschein, das muß vom heutigen Angriff stammen. Manchmal klingt es wie fernes Glockenläuten dazwischen. Ich beschneide den Docht der Kerze, damit sie sparsamer brennen soll. Heute Nachmittag gab es in der Drogerie Giercke zwei Kerzen für jede Familie; bis wir hinkamen, war nur noch eine zu erhalten.

Eben war B. da. Es muß furchtbar sein. Die ganze Wik soll brennen. Bei dem heutigen Angriff sollen nur Brandbomben geworfen worden sein. Die ganze Ringstraße stehe Haus für Haus in Flammen. (Nachtrag: Dort war es in der Tat am schlimmsten.) In der Esmarchstraße sei ein großer Brandherd. Er erwähnte, daß in dieser Richtung heute Mittag ungeheure Wolken in den klaren Himmel aufgestiegen seien. Daran kann ich mich nicht erinnern, mir schwebt am deutlichsten das Bild der riesigen Rauchwolken vor Augen, die im SW emporstiegen und langsam sich nach Osten ausbreiteten und schließlich den ganzen Himmel verdüsterten. Das dauernde Heulen der Motorspritzen ist unerträglich.

Wir erwarten weitere Angriffe, es sollen ja bis 5 oder 6 sein, wenn eine Stadt richtig hergenommen wird. Ich überlege, ob ich nicht auch in den Bunker gehen sollte. Heute sollen 6000 dringewesen sein (Nachtrag: Im Sommer 1944 wurden 11.000 genannt). Immer mehr sind es jedesmal, die sich hineindrängen, heute früh war schon beim Voralarm unser ganzes Viertel unterwegs. Die Menschen mußten sich heute auf die Bänke stellen, damit sich dazwischen mehr aufstellen konnten. Käthe mit den Kindern war zwei Stunden drin, eingekeilt zwischen anderen und in der rasch sich verschlechternden Luft in den schmalen Gängen. Es ist nicht auszudenken, was im Fall einer Panik in dieser Menschenmenge passieren würde.

Wir wollen nun alles, was sich noch verpacken läßt, in den Keller bringen, um es im Fall eines oben im Haus beginnenden Brandes nacheinander hinaustragen zu können. Für andere Fälle kann man sich kein Programm machen.

Wir werden lang ohne Strom, Gas und Wasser sein. Die Pumpen arbeiten natürlich nur mit Wasser aus der Förde, eventuell auch aus den nicht zahlreichen Löschteichen. – Eben bringt uns der junge Ingo vom 1. Stock eine Milchkanne voll Wasser, bei der Ecke Beseler Allee/Moltkestraße soll ein Brunnen sein.


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Letzte Aktualisierung am 11. Juni 2017

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