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 Materialien
 Dr. Fritz Lettenmeyer (1891-1953)
 Aus Tagebüchern
 Verlust der Wohnung und Abreise aus Kiel (Juli 1944)

12.8.1944: Zukunftsgedanken

22 Uhr. Etwas ruhiger, aber mit demselben Inhalt, gehen die Tage dahin. Wasser gab es nur 1 1/2 Tage lang, jetzt haben wir seit einiger Zeit wieder keines. Das von Hof endlich angekommene Bier, das eine Woche lang auf dem Eilgüterbahnhof gelegen war, ist verdorben; es war nur Dünnbier. Der größte Teil des "Bruches" ist nun heruntergerissen und abgetragen. Es ist für uns kaum noch was zum Vorschein gekommen. Es ist mir ein Rätsel, wo der fehlende Teil meiner Bücher ist. Theoretisch müßte jedes Einzelne zum Vorschein gekommen sein. Die Umzugsbescheinigung habe ich endlich erhalten. Nun ist zu warten, bis von Hof Antwort kommt, ob der dortige Spediteur den Umzug übernimmt.

Es kommt einem so sonderbar vor, daß die Leute in den Nachbarhäusern ihr gewohntes Leben führen, während wir in dieser zerstörten Wohnung arbeiten müssen. "Anständig" angezogen (im "bürgerlichen" Sinn) war ich in diesen Wochen noch nie. Und bin meistens schmutzig. Jetzt hat mir der Universitäts-Schreiner M. Kisten für die nächste Woche versprochen.

In einer Apotheke bekam ich eine alte Kiste mit Astlöchern um zehn Mark! Man nimmt eben alles. Ich hätte sie auf 70 Pfennige geschätzt. Kartons und dergleichen nirgends zu bekommen. Dagegen soll ich am Montag eine große Rolle (70 m) Wellpapier erhalten, die ich mit Vergnügen im Kinderwagen durch die ganze Stadt fahren werde. Ferner habe ich durch Herrn B. (sowas Ähnliches wie Ortsgruppenleiter) eine Rolle Drahtglas erhalten. Aber es fehlen noch die Nägel zum Annageln an die Fensterrahmen. Alarme gab's in dieser ganzen Woche keine, daher ging es mit den Abbrucharbeiten im Haus besser vorwärts. Es sind bereits Ziegel für das Dach angefahren! Herr B. ist überzeugt, daß eine Mauer für unser Treppenhaus aufgebaut und der hintere Teil des Hauses durch eine Mauer gegen das Eingestürzte sich abschließen lassen werden wird. Wir debattieren über eine Wohnung in Rendsburg. Wir wissen noch nicht, was und wieviel nach Hof soll und was hier bleiben soll. Und unsere hiesige Wohnung soll doch auch nicht ganz geräumt werden. Ich halte eine Fortschaffung von möglichst vielem nach Bayern für das Richtige.

Auch Lore überlegt schon, ob sie nicht ihre Stellung aufgeben solle. Denn im nächsten April, wenn sie ihr Jahr Ausgleichsdienst abgeleistet hätte, ist sicher gar keine Rede mehr von einem Studium. Schon jetzt heißt es, daß nur die Examenssemester noch studieren dürften und alle anderen Studenten und Studentinnen in die Rüstungsindustrie eingezogen werden würden. Lore würde also nicht ein Studium beginnen können, wozu dann dieser blödsinnige "Ausgleichsdienst"? Auch Käthe macht in dieser Hinsicht Sorge, sie ist jetzt "meldepflichtig", nachdem die Arbeitspflicht auch auf Frauen bis zu 50 Jahren mit nur einem Kind unter 14 Jahren ausgedehnt ist. Wie sich unser Hauswesen gestalten würde, wenn Käthe in die Fabrik müßte, ist überhaupt nicht abzusehen.


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Letzte Aktualisierung am 11. Juni 2017

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