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Home Lebensmittelbeschaffung in der Oberpfalz (1942/43) Erste Reise im Dez. 1942 Über die berufliche Arbeit (Juni 1943)
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 Dr. Fritz Lettenmeyer (1891-1953)
 Aus Tagebüchern
 Lebensmittelbeschaffung in der Oberpfalz (1942/43)

Osterreise im April 1943

Di. 27.4.1943 Der ganze Vormittag verging mit Warten, bis mich ein Auto nach T. mitnahm. Meine Ankunft hatte ich nicht angezeigt, um mich keiner Absage aussetzen zu müssen. H. hat mich aber freundlich aufgenommen. Die Umstände waren nicht recht günstig, ich hatte keine Ruhe. Es waren zwölf Hitlerjungen "auffällig" da, die in der Scheune schliefen und bei dem schlechten Wetter der folgenden Tage viel in der Gaststube herumsaßen. Ferner waren vier "Sommerfrischler" da, drei Fräulein und ein alter Mann aus Nürnberg. Die Fräulein strickten und nähten von früh bis abends, keines der vier setzte einen Fuß vor das Gasthaus. Offenbar waren sie nur zum Zweck der Verpflegung da. Sie scheinen aber für die Wirtsleute gearbeitet zu haben.

Nun hatte ich mir eingebildet, wirklich eine Art von Sommerfrische zu haben. Waldwanderungen konnte ich machen, in die Sonne legen, gleich am ersten Vormittag machte ich die Wanderung zum Frauenstein, auf einem beträchtlichen Umweg über den ganzen Bergkamm, ich kletterte sogar auf den (verbotenen) Holzturm über die zwei steilen Leitern hinauf. Auch am Mittwoch bin ich noch etwas herumgelaufen, aber es war sehr kühl und regnete auch manchmal. In der Gaststube war es ungemütlich. Es waren also wieder nur die Tage totzuschlagen, um am Schluß etwas mitzubekommen. Auch das schien im letzten Augenblick zu mißlingen, aber es kann sein, daß das ein Trick des Herrn H. ist, um dann mit seinem "Segen" am Schluß etwas mehr Eindruck zu machen.

Mein Gepäck (den Rucksack allein hatte ich mitgenommen), bestehend aus einem vollen und einem leeren Handkoffer, bekam ich erst nach zwei Tagen, als ich mich schon wieder um die Abreise kümmern mußte. Denn am 1. Mai (Samstag), an dem ich abreisen wollte, war es schwer, eine Fahrgelegenheit aufzutreiben, da ja Feiertag war. Der mürrische W., auf dessen Mietauto ich angewiesen war, wies mich am Donnerstag einfach ab, erst am Freitag ließ er sich erweichen, für Samstag 9 Uhr versprach er mir die Mitnahme. So ist es dann auch gegangen. Am Donnerstag und Freitag wagte ich mich zum ersten Mal in einige Bauernhöfe; immer mit der Frage nach Honig, da dieser ja zu kaufen erlaubt ist. Ich wurde von einem Haus zum anderen gewiesen, bekam aber nichts.

Am Donnerstag Vormittag wanderte ich nach S., nur von einer Frau Z. wurde mir für den Sommer Honig versprochen. Nach Eiern und Butter traute ich mir nicht zu fragen. Dann erfuhr ich noch von einem gewissen S., nahe bei T. selbst, nur eine Viertelstunde von T. Da hätte ich Erfolg. Es ist ein freundlicher alter Mann, zwei Töchter von auswärts waren bei ihm zu Besuch oder führten zur Zeit seine Wirtschaft. Ich bekam ein Pfund Honig [es war nicht leicht, in T. ein Glas dazu aufzutreiben, aber selbst das habe ich irgendwo bekommen; dagegen war es völlig unmöglich, Packpapier und dergleichen zu erhalten]; und zuletzt, ohne allzu dringlich zu bitten, ein schönes Pfund Butter! Und dazu das Versprechen, im Sommer wieder Honig zu bekommen. Die Leute haben jetzt eben fast nichts mehr. Ich glaube auch gern, daß andere gar nichts mehr hatten. Die Mehrzahl der Leute waren nicht freundlich, unfreundlich direkt war nur die Frau auf der ... Mühle (SW von T.). Umso wohltuender war es, daß dieser S. (übrigens ist es nur der Hausname) wirklich freundlich war, ich habe mich lang mit den Leuten unterhalten; ich mußte ja, um erst das Glas aufzutreiben, zweimal hin. Bin auch tüchtig naßgeregnet worden. Am letzten Nachmittag (Freitag), es schien wieder etwas Sonne, versuchte ich es zum ersten Mal mit der Frage nach Eiern. Die Hitlerjungen hatten am Tag vorher Eier gehamstert. Ich ging absichtlich weiter weg, bekam drei, zwei, ein Ei, oft nichts. Gab es bald wieder auf. Denn ich hatte nur eine Eierschachtel, 25 Stück, und so viel hatte mir Frau H. auch versprochen.

Nun kam am Freitag Abend die Enttäuschung. Frau Huber füllte mir zwar meine Eierschachtel auf, aber sonst war nichts da. Der junge H. wurde weggeschickt, um etwas zu holen, und soll auch nichts bekommen haben. Am Samstag früh, um 8.30 Uhr, hatte ich noch nichts. Dann brachte mir die Frau H. im letzten Moment ein Pfund Butter, sie hatte es soeben noch "ausgebuttert" und legte es ein paar Minuten auf den kalten Steinboden, damit es noch kühler würde. Und der Herr H. kam zu allerletzt mit einem Ding an einer Schnur an, das ich für einen leeren alten Tabaksbeutel hielt, aber es war ein geschwärztes Stück Rauchfleisch, 3 1/2 Pfd.! Ich hatte keine Ahnung, wie man so etwas bezahlte und sagte es ihm offen. Ich legte ihm einen 50 Mark-Schein hin. "Der langt nicht", meinte er. Es kostete 60, aber ich gab ihm einen 20 Mark-Schein dazu. Da kam er im allerletzten Moment noch mit einer Tüte Mehl! Ca. 5 Pfd. "Für den Zentner habe ich 100 Mark bezahlt, bestes Weizenmehl", sagte er. Und als ich draußen stand und aufs Auto wartete, brachte der kleine Franzl noch ein großes Stück schönes Schwarzbrot daher.

Ich soll ihm eine alte Hose schicken, und ich würde vom "Schweinernen" etwas bekommen. So verlief zum Schluß alles aufs Beste und ich zog glücklich ab. Daß ich Frau H. 25 Mark gegeben habe, hat vielleicht auch was ausgemacht. Es ist ja alles mehr geschenkt, abgerechnet wurde weiter nicht. Für die vier Tage Pension hatte er 20 Mark verlangt. (Das letzte Mal war es etwas mehr, offenbar sagte er, was ihm gerade einfällt.)

Am Abend vorher hatte ich mit den Wachsoldaten "17 und 4" gespielt, ein ganz ödes Glücksspiel, immer in der Erwartung, der junge H. würde von seinem "Ausgang" noch heimkommen. Aber der war scheint's längst im Bett, vielleicht war er gar nicht fort; der Alte sagte nur, die anderen hätten auch nichts gehabt.

Übrigens klagten mir die Leute ehrlich, daß ein jeder seiner Sommerfrischler und Stammgäste etwas haben wollte, und daß er das wirklich nicht leisten könnte. Die Verabschiedung war wirklich herzlich.

Das Auto wurde in T. so dicht besetzt und bepackt, daß ich fast Angst bekam, aber dann war ich schließlich mit meinen Schätzen am Bahnhof Waldmünchen, wo ich den Handkoffer zur Abschickung (alles Expreß) mit herrichtete. Bis Schwandorf nahm ich ihn noch selbst mit, um ihm die Grobheiten der ersten Umladung zu ersparen.

Nachtrag: Ich war übrigens in diesen paar Tagen in T. schlecht und kärglich verpflegt. Mußte gegen den Hunger noch Schwarzbrot essen. Vielleicht trug die Anwesenheit der Hitlerjungen dazu bei, daß wir knapp gehalten wurden.


1.5.43 So brachte ich zufrieden und stets in der Vorfreude des Mitbringens die Zeit bis zum Abgang des Zuges am Bahnhof Waldmünchen zu, fast zwei Stunden. In Schwandorf gab ich den Koffer als Expreßgut nach Kiel auf und fuhr dann mit dem Personenzug nach Weiden. Dort mußte ich wieder gegen zwei Stunden warten und fuhr dann gegen 17.30 Uhr nach Kemnath-Neustadt, überzeugte mich, daß ich in der Bahnhofswirtschaft übernachten konnte, und ging nach S.

Ich hatte mich telegraphisch angemeldet, aber erst für den nächsten Tag früh. Zufällig traf ich M. auf ihrem Fahrrad vor dem Dorf. Das Zicklein lebte natürlich noch. Ihr Bruder hat es dann abends geschlachtet und hergerichtet; er ließ es als Ganzes, damit es etwas stattlicher aussehe. Am nächsten Morgen um 9 Uhr war ich verabredungsgemäß wieder drüben, unterhielt mich eine halbe Stunde und erfuhr manches Interessante. Von den Urlaubern aus dem Feld wissen diese Leute mehr, als ich in meinem beschränkten Bekanntenkreis erfahre. So wurde nun das Zicklein in den Rucksack verpackt (ich hatte Tücher schicken lassen) und dann bekam ich nochmals gegen zwei Pfund Butterschmalz und 30 Eier. Ich hatte etwas Sorge vor einer Kontrolle, hatte ich jetzt doch noch ein Paket in der Hand. Aber an dem schönen Feiertagsmorgen war keine Amtsperson unterwegs und als ich an der Bahn war, fühlte ich mich sicher. M. habe ich nochmals 50 Mark gegeben. Sie wollte es kaum nehmen.

Was in der Bahn an Hamsterpaketen sich befindet, ist überhaupt unkontrollierbar. Da müßte der ganze Zug ausgeräumt werden. M. hat mir erzählt, daß es am schlimmsten mit den Sachsen ist, die am Samstag oder Sonntag in hellen Scharen über Hof herein sich in die Oberpfalz ergießen und abends schwerbeladen nach ihrem Land zurückfahren. Die haben ja auch im vorigen Krieg das Hamstern immer am besten verstanden. Auch K. hatte ja schon vor zwei Jahren, als ich noch gar nicht daran dachte, seine "Quelle" in Paulusbrunn. Der hat stets im Winter sein warmes Zimmer und Frau K. hat mir noch im vorigen Jahr einmal gesagt, daß sie noch kein Stück Kriegsseife in ihrer Wohnung gehabt hätten!

Während ich vor 14 Tagen den Heimweg über Kemnath selbst gemacht hatte, um dieses Städtchen kennenzulernen, einen elenden Umweg übrigens und alles recht fad, ging ich diesmal direkt zur Bahn. Ich hätte noch Zeit gehabt, ein Stück auf den "Kulm" zu gehen, der mich wieder sehr gelockt hat, aber ich traute mich nicht von meinen kostbaren Dingen weg.

So bestieg ich um 13 Uhr wieder den Zug nach Weiden, war dort um 14 Uhr, wartete auf dem Feiertags überfüllten Bahnhof, bis nach zwei Stunden der Schnellzug kam. Er war (zweiter Feiertag!) maßlos überfüllt und ich bekam nur durch Zufall einen Platz. In Hof stieg ich nicht aus. Ich hätte meine Sachen der Bahn-Aufbewahrung anvertrauen müssen, hätte, um Nachts 3 Uhr weiterzufahren, wieder den Schwiegervater aufregen müssen, und schließlich war ich um meinen Platz froh. In Plauen und an den folgenden sächsischen Stationen stiegen die Leute durchs Fenster ein und aus, und die meisten kamen überhaupt nicht mit mit dem Zug.

In Leipzig hatte ich von 21 Uhr bis 23.30 Uhr Aufenthalt. Zuerst saß ich auf einer Bank am Bahnhofsplatz mit meinem ganzen Gepäck: Rucksack, Handkoffer und Paket. Dann promenierte ich am Bahnhof auf und ab. Ich war froh um die frische Luft. Eine Stunde vor Abfahrt war der Zug nach Hamburg schon völlig besetzt. Ich hatte mir zweiter Klasse für diesen Teil der Fahrt genommen, aber sie saßen zu fünft, selten zu dritt und eine Zeit lang noch ein Sechster neben mir auf der Armstütze. Zwischen uns und in den Seitengängen standen überall Leute. Enger ging es wirklich nicht mehr. Schon in Bitterfeld usw. stiegen viele aus, aber trotzdem der Zug sich allmählich etwas leerte, mußten wir doch bis früh 6 Uhr in Hamburg stehen. Schlafen konnte ich diesmal nicht, zumal die ganze Nacht durch (trotzdem es ein Nichtraucherabteil war, aber wer kümmert sich heutzutage darum!) fürchterlich geraucht wurde. Ich beschloß in dieser Nacht, an die Deutsche Reichsbahn eine Eingabe zu machen, es möchten alle ausgesprochenen Nachtzüge als "Nichtraucher-Züge" erklärt werden.

Noch einen Aufenthalt in Hamburg oder vielmehr Altona, wohin ich mit der Stadtbahn gleich weitergefahren bin. Dann mit einem Personenzug nach Kiel, wo ich gegen 10.30 Uhr ankam. Ich freue mich die ganze Zeit hindurch aufs Auspacken.

Das war die wirklich aufreibende und ruhelose "Osterreise" 1943; ich war merklich erschöpft. Das Zicklein hat kaum zwei Mahlzeiten gereicht, da ist wenig dran gewesen. Es war auch nur ein kleiner Rest.


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Letzte Aktualisierung am 11. Juni 2017

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